pro grün ab 2020
1. Info
Flächennutzung. Pro Grün lädt die Parteien zur Diskussion auf dem Hof Dingerdissen ein.
(siehe auch: 2019 Ausgründung „Bielefeld natürlich“)
Im Mai 2019 schlugen die Wellen hoch: „Kritik an ‚Geheimplan‘ für neuen Stadtteil. Umweltverbände und Initiative vor Ort befürchten hohen Flächenverbrauch und Verkehrschaos im Westen, wenn Wohnungen für 10.000 Einwohner entstehen. Die Pläne sollten öffentlich gemacht werden (NW 18.5.2019); „Platz für 11.000 Neu-Dornberger. Planer verschrecken Bezirkspolitiker und erzürnen Naturschutzverbände“ (WB 18.9.2019)
Im Mai 2019 wurden die Pläne oder Ideen der Büros „Cityförster“, „Urbanegestalt“, „SHP Ingenieure“ für Babenhausen-Dornberg öffentlich gemacht; in kleinen Planspielen wurden die Bürger eingeladen, als interessierte Laien Flächennutzungen zu konstruieren. Die Büros selbst waren von ihren eigenen Papieren begeistert: „Mit dem Ortsteilentwicklungskonzept Babenhausen bietet sich die einmalige Chance, einen Ort zu schaffen, der erstmals den Rand der Kernstadt, die Kulturlandschaft und die Ortschaften stadträumlich und mobilitätstechnisch verbindet.“ Die Zahlen sind gewaltig: Eine Fläche von 85 Hektar soll neu bebaut werden, wovon 11,5 Hektar auf Gewerbegebiete entfielen. 4811 Wohneinheiten können entstehen, Platz für 11.000 Menschen. Um den Johannisbach könne eine „identitätsstiftende grüne Mitte entwickelt werden“, umschlossen wäre sie von „Geschosswohnungsbauen, gestapelten Reihenhäusern, Generationenwohnen. Gebäuden, in denen Wohnen und Arbeiten, Kleinstwohnungen und studentisches Wohnen kombiniert werden können. „Die Probleme der wachsenden Großstadt wären auf einen Schlag gelöst“ (WB 18.5.2019). Im Juli 2019 sollte eine „Baulandstrategie“ vom Rat verabschiedet werden.
Pro Grün fragte höflich bei der städtischen Beteiligungsgesellschaft BBVG an, wie die Kosten-Nutzen-Analyse für die Verlängerung der Stadtbahn über die „Lange Lage“ zur Dürerstaße denn in der Methode und im Ergebnis aussehe. (Diese Verlängerung wurde baurechtlich als zwingend angesehen, weil eine Nutzung der Uni-Erweiterungsfläche davon abhängig gemacht worden war. Dieses Junktim wäre im Prinzip vom Rat auch heute noch widerrufbar). Diese Analyse erschien dem Verein Pro Grün als nicht plausibel (z.B. gab es keine Klausel für Preissteigerungen über die Jahre hinweg) und wurde einer „Kritischen Gegenlese“ unterzogen. Eine Antwort seitens der BBVG oder der Stadtverwaltung darauf gab es nicht. Das sorgte für weiteren Verdruss. Der landwirtschaftliche Kreisverband schloss sich der Kritik an.
Pro Grün hatte nach mehreren Schnatgängen und vielen Versammlungen die Initiative „Bielefeld natürlich“ ausgegründet (www.bielefeld-natuerlich.de) .
Michael Schläger stellte in einem Kommentar im WB 18.5.2019 zum Fehlen einer langfristigen Strategie fest:
„Deshalb kommen Überlegungen wie die, nordwestlich der Uni ein neues Quartier mit 4800 Wohnungen zu schaffen, mit einer solchen Wucht daher, schocken Anwohner und Naturschützer. Ohne weiteren Flächenverbrauch wird es wohl nicht gehen. Aber bitte in einem abgestimmten Prozess und zusammen mit Bürgern und Verbänden. Sonst droht Blockade durch Proteste und Klagen. Das hilft niemandem.“
Das neue Quartier Grünewaldstraße an der Dürerstraße lässt erahnen, was Verdichtung und Neubau im „Großen Karo“ bedeutet; die hunderte Autos der neuen Bewohner stehen derweilen im Matsch am Ende der Schlosshofstraße, „unabgestimmt …“ Diskussion und Abstimmung ist geboten.
Ansonsten ist - fünf Jahre später - von entwickelten Konzepten und Partizipationsprozessen nichts – nicht mehr oder noch nicht – zu erkennen. Man kann diesen Stillstand an der Front aus Sicht des Landschaftsschutzes begrüßen, eine Lösung der übrigen Probleme ist das aber „natürlich“ nicht.
2. Interpretation
Die Kandidaten für den neuen Stadtrat kamen auf Einladung von Pro Grün in die Scheune des ehrwürdigen Hofes Dingerdissen, umgeben von Maschinen und Geräten und in Erinnerung daran, dass auch in der Landwirtschaft wirtschaftende Betriebe arbeiten und zur Ernährungssicherheit beitragen. Landwirtschaftlich Nutzfläche ist also keineswegs vornehmlich eine Flächenreserve für Wohnungsbau und Gewerbe.
Im Fazit des disziplinierten und vielfältigen Podiums, moderiert von Michael Blaschke, stand eine merkwürdige Vokabel im politischen Raum: „Da müssen wir uns mal ehrlich machen“. „Was denn sonst?“ ist der Zuhörer geneigt zu sagen, oder: „Besser isses“.
Kontext: Manchmal helfen „Developer“ bei der Stadtentwicklung, wenn sie der Stadt verbunden sind. Manchmal bewegt sich nur der Daumen oder es kommt der Insolvenzverwalter. Manchmal ist unklar, wer im Spiel mit der Planungshoheit das Sagen hat. Es kann nicht ernsthaft schaden, wenn sich Menschen ohne materielle Interessen zur Kommunikation und Reflexion einfinden. Zu Wahlzeiten kann man das Hausrecht umkehren und Politiker/ Bewerber dazu bitten.
Subtext: Landwirtschaftliche Nutzfläche zieht allerlei Begehrlichkeiten an: Acker zu Bauland, Erben als Verpächter, Energiegewinnung, Straßenbau etc.. Wenn man eine Drohne hätte, könnte man diese Perspektiven in der Landschaft ablesen.
1. Info
„35 Bäume müssten gefällt werden, wenn hier das neue Altenheim ‚Haus Laurentius‘ entsteht.“ So lautet der einfache Befund in der Presse. Allerdings mit einem „wenn“ und einem Konjunktiv („müssten“) versehen.
Worum geht es? Ein innerstädtisches Altenheim muss modernisiert werden: Sanieren im Bestand (dann müssten die Bewohner während der Bauzeit anderweitig versorgt werden) oder Neubau (dafür braucht man ein passendes Grundstück, möglichst im Quartier).
Es gibt um die Ecke einen Park, auf dem ein über 50 Jahre altes Baurecht für ein Jugendheim besteht (insofern passt 50 Jahre später die Umwidmung von Jugend- zu Altenheim ...). Der Park gehört der Stadt, die Politik kann also entscheiden. Dazu braucht man das Einvernehmen mit dem Bauträger. Beides ist gegeben, es scheint alles glatt zu gehen.
Ein Problem wird in der Baumfällung nicht gesehen, die städtischen Planer definieren den in 60 Jahren inzwischen dort gewachsenen Park incl. 150 Jahre alter Hofeichen als „Natur auf Zeit“.
Aber es gibt Widerstand zur Rettung des Parks, eines kostbaren Grüns in der Stadt. Es geht um Klimastabilität und Kaltluftschneisen, um die Anlieger incl. einer Grundschule, um eine artenschutzrechtliche Prüfung im Fledermaus- und Waldkauzrevier, um Boden- und Wasserverhältnisse, um streitige Ausnahmeregelungen und die Ersetzbarkeit der alten Bäume.
Es scheint keine Alternative zu geben. Die Abwägung zwischen Altenheim und Park ist entschieden. „Die Politik“ stimmt zu, erscheint aber (mit einer Ausnahme) nicht zu Rede und Antwort vor der Initiative „Unser Gellershagen-Park“. Der Oberbürgermeister bestätigt zwar die hohe Bedeutung des städtischen Klimaanpassungskonzepts, aber im Rahmen der Stadtentwicklung „treten immer wieder Zielkonflikte auf, die im Einzelfall abgewogen und bestmöglich gelöst werden müssen. Um einen solchen schwierigen Abwägungsfall handelt es sich hier.“ Auch die Grünen bedauern den Konflikt. „Das Altenheim ist unverzichtbar. Planungsalternativen sind nach gescheiteren Versuchen nicht in Sicht.“ (WB 8.8.2020)
Nichts zu machen, so scheint es. Es schien absolut keine Alternative zu geben. Ein Abwägungsdrama.
Doch urplötzlich und völlig überraschend wird vom Heimträger eine ganz andere Lösung aus dem Hut gezaubert. Das Heim wird neu gebaut. Wann? Sofort. Wo? Auf dem Grundstück des alten Heims. Die Bewohner werden für die Bauzeit von 2-2,5 Jahren in einem „Quality“-Hotel in Sennestadt untergebracht und kehren danach in das neue Heim am alten Standort zurück.
Die Moral von der Geschichte: Denken in Alternativen , „Geht-nicht-gibt‘s-nicht“, Einmischen auf verschiedenen Frequenzen. Aufdecken falscher Problemstellungen, Mut und Vertrauen auf die Kraft des guten/besseren Arguments. Und manchmal so etwas wie ein Wunder.
Übrigens: Natur ist niemals „Natur auf Zeit.“
2. Interpretation
Der Fall begann wie gewohnt: Konkurrenz um Flächen und undurchsichtige Sachzwänge. „Geht nicht anders“ war kurz gefasst der Tenor. Ein kirchlicher Träger für eine gemeinwohlorientierte Einrichtung (Altenheim) hatte zudem das öffentliche Wohlwollen auf seiner Seite; dagegen ist es schwer zu argumentieren. Das Problem für pro grün war ein anderes: Ein völlig überalterter Bebauungsplan für ein Jugendheim (50 Jahre alt) und klare Eigentumsverhältnisse: Stadt Bielefeld. Alle üblichen Akteure mussten einsehen: Es gibt wohl keine Alternative. Aber etwas stimmte nicht: Der Park wurde von wenig inspirierten Planern als „Natur auf Zeit“ bewertet, damit war das Hindernis scheinbar erledigt. Aber die Proteste hatten wohl doch irgendwie gefruchtet. Völlig überraschend kam der Träger zu der Erkenntnis: Es geht doch. Inzwischen konnten wir Fotos vom neuen Altenheim am alten Standort machen. Ein Wunder? Oder die List der Vernunft?
Fazit für pro grün (und viele Mitstreiter): Nicht aufgeben.
Kontext: Der soziale Kontext ist die besondere Klientel, die Seniorinnen und Senioren; der räumliche Kontext ist der Standort im Quartier; der politische Kontext ist das Eigentumsverhältnis (Stadt Bielefeld); der planerische Kontext ist das (überalterte) Baurecht und das Abwägungsdefizit; der kommunikative Kontext ist der Stellvertreter-Kampf zwischen Seniorenheim und städtischem Park und die Geringschätzung im Begriff „Natur auf Zeit“.
Subtext: Ein innerstädtischer Park gilt manchen als Hindernis, als „Natur auf Zeit“ und erscheint damit geringerwertig als ein räumlich und sozial verankertes Seniorenheim .
1. Info
(www.bielefeld.de/luttergruenzug) (www.dbu.de/news/mehr-leben-stroemt-in-die-stadt)
„Es war einmal eine kleine Stadt, die hatte alles, was die Menschen zum Leben brauchen. Vor allem hatte sie einen kleinen Fluss; da konnte man Bier brauen, Spinnereien und Webereien versorgen und die Stadt gesund und sauber halten. Dann aber hatten die Menschen die Idee, den Fluss zu vergraben, sie nannten den Fluss nun Kanal. Er war weg. Nicht wirklich weg, aber er war nicht mehr zu sehen.
Über den Kanal pflanzten sie eine Reihe kleiner Bäume, aber diese Bäume wuchsen und wurden zu einer großen Allee. Und die Menschen klagten, dass es in ihrer Stadt kein Wasser gebe, nur einen großen Wald mitten durch die Stadt. Und sie nannten ihn Teuto. Und die Bäume nannten sie Platanen.
Die Zeit ging ins Land, und hundert Jahre später war der Kanal mürbe. Die Menschen wussten von Reisenden, dass es überall auf der Welt Kanäle in den Städten gab, in einigen Städten war das Wasser sogar in der ganzen Stadt zu sehen. Sie nannten eine solche Stadt Venedig und wollten auch ein Venedig sein. Sie fragten gutachtende Leute, wie man das denn machen könnte, und die gutachtenden Menschen wussten die Antwort: Man müsste die Bäume allesamt absägen, weil sie sowieso irgendwann sterben würden. Und dann könnte man wieder an den Kanal heran, mit großem Werkzeug, und alles wäre wieder wie früher. Man nannte sie Gutachter. Und sie erzählten noch von einer Stadt an einem Fluss mit Namen Rhein, wo ein mürber Tunnel zusammengebrochen war und wo es einen großen Schaden gab. Am besten wäre es also, den Kanal wieder zu vergraben.
Nun gab es in der kleinen Stadt ein paar Menschen, die fanden, dass auf die Stadt nicht gut geachtet worden sei. Sie klagten und schrieben sich die Finger wund: Lasst die Bäume leben, sie werden zwar irgendwann sterben, wie auch die Menschen, aber nicht so rasch. Den Kanal könne man ein paar Schritte seitwärts weiter neu bauen, man könnte ihn dann teilweise sogar wieder mit Wasser füllen und fließen lassen, wie ganz früher. Eine gute Idee, meinten die Menschen, aber wer hatte dafür denn das Geld? Vergraben wäre doch viel billiger. So ging es hin und her. Die Menschen fanden, dass es auch gut geachtet wäre, wenn man den kleinen Fluss wieder sichtbar machte.
Das dauerte eine lange Reihe von Jahren. Es war alles so schwer, bis aus den Worten auch Taten folgten. Ein Fluss fällt ja nicht vom Himmel, ein Kanal in der Stadt wird von Menschen gemacht. Oder er wird nicht gemacht und wird vergessen. Es sei denn, es gibt einen Menschen, der nicht vergisst und der macht; man nannte ihn Martin.
Es war eine lange Geschichte, so viele Jahre, wie fünf Hände Finger haben. Aber gottlob wurde aus der Geschichte am Ende ein Märchen. Die Menschen hatten wieder Wasser, fast wie vor hundert Jahren, sie konnten sich ans Ufer setzen und sich das Märchen erzählen und die Beine und die Seele baumeln lassen.
So gingen die Jahre ins Land und die Bäume sind nicht gestorben. Und weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.
2. Interpretation
Einerseits war es – noch andauernd - eine jahrelange Knochenarbeit, Kooperation mit den Stadtwerken und Parteivertretern und Stiftungen und Mäzenen und „blauen“ Planern und Bürgern/ Anliegern usw., eine unübersichtliche Szenerie und ein unfassbar zäher Durchhaltewille des Vereins Pro Lutter und seines Vorsitzenden. Und eine Presse, die beständig von einer „Betonrinne“ schrieb.
Andererseits: Sommerabend, hunderte Menschen mit ihren Füßen im fließenden Wasser, mitten in der Stadt, nicht nur in Freiburg.
Das Etikett „Venedig des Nordens“ stammt übrigens von einer legendären Ansichtspostkarte im Stadtarchiv.
Kontext: Venedig ist eine dingliche Realität und eine Konstruktion, ein Bild im Kopf. Eines der Bilder ist der Sehnsuchtsort, aufgeklärte Zeitgenossen können darin aber auch einen Ort des over tourism, der einfahrenden Kreuzfahrtschiffe und der Taubenplage sehen. Das ist zum einen extrem subjektiv, zum andern kollektiv, zum einen romantisch, zum andern ein Ort von Produktpiraterie. Venedig als Produkt eben.
Subtext: Es gibt zwei Subtexte: Das muss man gesehen haben! Oder: Da muss ich nicht hin!
Wenn ein Verein 50 Jahre alt wird, sind auch die Vorstände 50 Jahre älter. Aber wenn dann jemand verstirbt und wenn diese Persönlichkeit ein außergewöhnliches Format hatte, stellt sich die Frage doppelt: Was nun?
Am 12.06.2017 verstarb Dietmar Stratenwerth im Alter von 88 Jahren. Er hat 1974 den Verein Pro Grün gegründet. Er erhielt zweimal den Bielefelder Umweltpreis (1969 zusammen mit Meyer-Stork für die Erhaltung der Rieselfelder Windel).
Dietmar Stratenwerth ist tot. Er hat, neben vielen anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten, sein Leben als Bielefelder Bürger unermüdlich und leidenschaftlich dem Schutz der Natur und der Pflege der Landschaft gewidmet. Sein Name ist auch mit der Rettung der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld verbunden und mit der nachfolgenden Gründung des Vereins pro grün im Jahre 1974. Er hat für sein Lebenswerk das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhalten. Mit nachlassenden Kräften ist er Ehrenvorsitzender von pro grün geworden und hat uns weiter inspiriert.*Wir sind sehr traurig.
Am 7.9.2023 verstarb Michael Blaschke völlig überraschend im Alter von nur 64 Jahren. Er war Diplom-Biologe, freischaffender Filmemacher und Pressesprecher im NRW-Landesbetrieb Wald und Holz.
Er erhielt den Prix Leonardo (1993), den Umweltpreis der Stadt Bielefeld (1996), die Nautilus-Trophäe des Naturfilmfests Biovision (1998) sowie den NABU-NRW-Umweltpreis (2005). Michael Blaschke war seit 2000 Vorsitzender von Pro Grün.
Der Verein hat ihn mit einem Kolloquium am 24.4.2024 geehrt:
„Wir erinnern an die Leistungen und Ideale von Michael Blaschke als Naturfilmer und als Medienschaffender. Wir weiten damit auch den Blick auf die Zukunft von Natur und Umwelt im Spiegel der Massenmedien und sozialen Medien.“
Im Nachruf von Pro Grün heißt es u.a.:
„Natürlich ist auch der ehrenamtliche Naturschutz, ohne Mandat, politisch. Kritik und Ideen geraten zuweilen in strittiges Fahrwasser. Umso wichtiger ist es, hier Ruhe und Freundlichkeit zu wahren. Hier war uns Michael Blaschke ein vorbildlicher Partner und Friedensstifter. Wir nehmen dies als sein Vermächtnis an.“ „Michael Blaschke hinterlässt im Bielefelder Naturschutz eine enorme Lücke, von der wir heute noch nicht wissen, wie sie geschlossen werden kann. Dass alles versucht werden muss, um sie zu schließen, das sind wir ihm schuldig.“
1. Info
Interaktive Karte für Baulücken und Leerstand
Auf unserer Webseite (www.progruen-ev.de) geben wir Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit, Baulücken oder Leerstände zu melden. Wir möchten aber keinen öffentlichen Pranger und veröffentlichen daher nur wenige Informationen. In der Eingabemaske erheben wir zusätzliche Daten, die wir für die interne Arbeit und für Rückfragen benötigen, die aber nicht veröffentlicht werden.
- Eine Baulücke ist nach unserem Verständnis ein ungenutztes, erschlossenes Grundstück zwischen zwei oder mehreren bereits bebauten Wohnparzellen. Natürlich kann eine Baulücke auch größer sein und mehrere Baumöglichkeiten umfassen.
- Ein Leerstand ist nach unserem Verständnis ein seit offenbar längerer Zeit nicht bewohntes Ein-, Zwei- oder Mehrfamilienhaus. Dazu zählen wir auch solche Gebäude, in denen im Erdgeschoss z.B. mal ein Ladengeschäft untergebracht war.
„Wie Bielefelder Architekten in den kleinsten Lücken bauen wollen. Die Flächenfraß-Verhinderer des Vereins Pro Grün präsentieren Ideen, wie neuer Wohnraum geschaffen werden kann - mit und ohne Höhenflug.“ (NW 4.7.2022).
2. Interpretation
Wir alle wissen aus dem Stand von einer Handvoll leerstehender Wohnungen und Häuser in der Umgebung. Sie sind als Eigentum und Erbe geschützt, aber sie sollen zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Ein ständiger Spagat und ein ewiges Drama der Allmende. Das Problem sind nicht allein die Leerstände im Einzelfall, sondern die Verschiebung der Wohnungsnotlage an andere Standorte. Eine Statistik bzw. ein Kataster löst keines dieser Probleme, aber sie machen darauf aufmerksam. Einige hundert Leerstände haben wir in Bielefeld ausfindig gemacht. Einige Tausend würden es wohl sein, schätzen Architekten. Die Stadt Bielefeld spricht von einer strukturellen Leerstandsquote von nur 0,3 Prozent des Wohnungsbestandes, diese sei weiter rückläufig und der niedrigste Wert seit 14 Jahren.
Das Bauamt sagt: Nur noch rd. 500 WE stehen 2018/19 dauerhaft leer. In Bielefeld ist die Wohnungsbautätigkeit 2018 um 27,9 Prozent nochmals deutlich gestiegen. Die Bielefelder Stromzählermethode hat ähnlich wie in den Vorjahren zuletzt eine Leerstandsquote von 0,27% Prozent angegeben, was ungefähr 450 leerstehenden Wohnungen im Stadtgebiet entspricht. Der Zensus, für den in der Mitte des Jahres 2022 die Vermieter/ Vermieterinnen befragt wurden, hat für Bielefeld dagegen über 3.000 Wohnungen ermittelt, die länger als 6 Monate leer standen und rund 2.300, die mehr als 12 Monate leer standen.
Die Grünen fragen am 25.2.2025 im Stadtentwicklungsausschuss: „Wie kommt diese Diskrepanz zustande? Und: Ist unsere Leerstandsquote von 0,27% korrekt oder muss ,nachgerechnet´ werden?“
Das ist mehr als eine Diskrepanz. Da stimmt nicht nur etwas nicht, sondern da stimmt eine ganze Menge nicht. Verunsicherung und Vertrauensverlust drohen, wenn es keine ordentliche Aufklärung gibt.
Kontext: Eine Wohnungsmangellage, speziell ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum wird seit Jahren wie eine ungute Gewissheit behauptet. Eine runde Zahl von 400.000 Wohnungen pro Jahr sollte in Deutschland gebaut werden, tatsächlich wird nur die Hälfte erreicht. Hauptgründe dafür sind die gestiegenen Wohnbaukosten und der Mangel an Bauland. Der Neubauparameter gilt als Schlüsselgröße. Seltener ertönt die Parole: „Verbietet dieses Bauen!“ Ein großer Diskurs.
Subtext: Baugrund hat Priorität, es geht um die Behebung einer Mangellage. Andere Belange wie Landwirtschaft und Umweltschutz gehen im Range nach.
1. Info
Analog zur Doppelseite für das 40-jährige Bestehen von Pro Grün (NW 17.6. 2015) hat die Presse auch für das 50jährige eine ganze Seite gestaltet (NW 23.10.2024). Der Redakteur Michael Schläger hat einige Beispiele benannt und vorgestellt, u.a. die Klassiker Ravensberger Park, Ravensberger Spinnerei, Johannisbachaue, Platanenallee, Gellershagen-Park, CVJM-Haus/ Alarmtheater, Lutterstauteiche, Haus Nebelswall 13, Freilegung der Lutter, Grüner Stadtring, Baulücken- und Leerstandskataster.
Es handelt sich hierbei nur im Einzelfall um exklusive Projekte in der Initiative von Pro Grün, öfters stehen auch andere Personen und Vereinigungen dahinter. Im Text etwa zum Gellershagen-Park wird das in der Presse richtigerweise so formuliert.: „… hat sich Pro Grün um einen Beitrag bemüht“. Ein Gütemerkmal ist dabei die Kooperation mit etablierten Naturschutzverbänden in Bielefeld.
2. Interpretation
Kontext: Die Jubiläums-Dekaden (10 Jahre, 40 Jahre, 50 Jahre) sind in einer wohlwollenden Presse ein Erntefest. Die Haken und Ösen des Pro-Grün-Alltags und der laufenden Politik werden dabei nicht im Detail bemüht, es geht eher um das Profil im mittleren Maßstab.
Pro Grün ist explizit bemüht, laufende Diskurse durch ruhige und faire Töne zu fördern. Wie man in den Wald hineinruft …
Pro Grün bemüht sich traditionell um laufende Kooperation mit anderen Natur- und Umweltschutzvereinen in Bielefeld („Die vier Verbände“). Das hat seinen Sinn in einer sich selbst regulierenden Arbeitsteilung und entsprechender Vermeidung von Doppelarbeit oder gar Konkurrenz. Wer etwas besonders gut kann, geht damit nach vorne.
Subtext: Pro Grün ist ein kommunikationsbereiter und –fähiger Verein. Die Politik rechnet mit den vier Verbänden, sie hat es aber mit einer – gewollten – Unberechenbarkeit zu tun: Wer spricht?
1. Info
Die Johannisbachaue ist ein Juwel; sie hat mal 23 Mio DM (Steuergeld) an den privaten Eigentümer gekostet, um hier unter dem Etikett Hochwasserschutz einen ersehnten Badesee für Bielefeld zu bauen. Das war nicht so einfach, z.B. wegen wechselnder Mehrheiten im Stadtrat oder überhaupt zögerlicher Planungen. Aber auch wegen anderer Begehrlichkeiten.
Eine davon war die Idee des „Developers“ B., der hier mitten in der Aue vor der Kulisse des Viadukts eine Spaßbad-Therme bauen wollte, gerne auch mit Parkplätzen und weiteren Ideen, wie z.B. die Ausweisung von Baugrundstücken mit „Seeblick“ zur Finanzierung. Dem Vernehmen nach wurde das Gelände mit dem Hubschrauber vom auswärtigen Developer entdeckt und erkundet, im Beisein eines städtischen Beigeordneten. Der Developer war bald darauf insolvent. Mittlerweile waren die öffentlichen Mittel knapper, so dass sich ein solches Projekt künftig von selbst hätte rechnen müssen. Eine Geldquelle war eine Bauschutt- und Bodendeponie am Rand der Aue, die in 10 Jahren genügend Gelder erwirtschaften sollte. Auch über diese Konstruktion ging die Zeit hinweg.
Der Verein Pro Grün feierte 1997 – zusammen mit dem Bielefelder Kunstverein, den Theater- und Konzertfreunden und den anderen Umweltverbänden – die vermeintlich endgültige Rettung der Aue mit einer festlichen Tafel und Konzert am neo-romanischen Viadukt. (sh. 1997 - Tafel am Viadukt). Vielleicht kam dieses Fest aber 25 Jahre zu früh. Es gibt noch immer oder immer wieder Vertreter der alten See-Idee, so dass im Sinne einer Vorratshaltung keine formelle Ausweisung als Naturschutzgebiet gelang. 2023 schrieb die Presse: „Ziel einer Mehrheit im Stadtrat ist eigentlich, das Gebiet als Naturschutzgebiet auszuweisen“ (WB 20.7.2023).
Ja, eigentlich.
Und ewig grüßt das Murmeltier, könnte man denken und einfach weiter die Entwicklung der Natur abwarten, mit Heckrindern und Weißstörchen, unter dem rollenden Rad der Deutschen Bahn. Die Bahn wollte/ will für einen „Deutschland-Takt“ die ICE-Trasse Hannover-Bielefeld ausbauen und dafür die Johannisbachaue anschneiden (2022ff).
Im Pro-und-Contra-Spiel zeigen sich zwei Lager, die aber nicht stupide „pro oder contra-Bahn“ zu lesen sind. Man fühlt sich sprichwörtlich überrollt von dieser völlig unerwarteten Bundes-/Bahnplanung im kommunalen Naturschutz-Gelände: „Richtig und wichtig“// „ICE-Halt entfallen lassen“// „Kleinere Maßnahmen“// „Erinnerung an OWD-Bau“// „Milliardengrab“// „Ökologischer Unfug“// „In Stellwerke investieren“// „Realität ins Auge sehen“// „Mehr Solidarität“.
Pro Grün forderte zusammen mit dem BUND den Stadtrat auf, „dass der Ausbau der ICE-Strecke auch entlang der Bestandstrasse möglich bleibt und eine Zerstörung des Johannisbachtals ausgeschlossen wird.“ Der aktuelle Gutachterentwurf zum Deutschlandtakt solle überarbeitet werden: „Denn die engen Taktvorgaben zwingen an vielen Stellen im Netz zu klimatisch und naturunverträglichen sowie extrem kostenträchtigen Neubaumaßnahmen.“
2. Interpretation
Kontext: Die ewige Geschichte um einen Freizeitsee in der naturschutzwürdigen Landschaft geht einfach so weiter, als wäre alles noch so wie vor 50 Jahren. Neues ist nicht zu erwarten, aber die Naturschützer müssen trotzdem – hinhaltend – agieren. Der ICE-Vorstoß der Deutschen Bahn behandelt mal wieder geschützte Flächen als Planungsreserve. Tabus werden ignoriert
Subtext: Udo Lindenberg singt 1973, also ebenfalls vor 50 Jahren, mit seinem „Panikorchester“ zum untergegangenen Schiff „Alles klar auf der Andrea Doria“. So etwa kann man diese Geschichte auch lesen.
Warum es Pro Grün in Bielefeld gibt und warum das wichtig ist.
„Die Gemeinden sind die Grundlage des demokratischen Staatsaufbaus - egal ob im ländlichen Raum oder im (groß)städtischen Raum. Sie fördern das Wohl der Einwohnerinnen und Einwohner in freier Selbstverwaltung durch ihre von der Bürgerschaft gewählten Organe. Sie handeln zugleich in Verantwortung für die zukünftigen Generationen.“ (https://www.mhkbd.nrw/themenportal)
Aber können denn Gebietskörperschaften überhaupt handeln, in freier Selbstverwaltung, fördern durch gewählte Organe, Verantwortung tragen …?
Oder sind es die Menschen in den Gemeinden, die Subjekte, die Ressourcen kollektiver Klugheit?
Es gibt gute Gründe, dass es gewählte Organe sind, die repräsentativ und in ordentlichen Verfahren handeln. Es gibt aber ebenso viele gute Gründe, dass sich die Menschen aktiv beteiligen, sei es durch formelle Partizipation und Runde Tische, sei es durch befreites Denken und Einmischung, wenn die „Organe“ versagen oder schief gewickelt sind.
Dieser Kalender präsentiert 50 Jahre Pro Grün in Bielefeld: 1974-1924. Er dreht sich um das „Einmischen“ als eine Form des Politikmachens, mit guten Gründen und ebenfalls in Verantwortung für die zukünftigen Generationen. Da wurden mehrfach gültige Ratsbeschlüsse gekippt, da wurden Geschäfte der laufenden Verwaltung in Frage gestellt, da wurden Ideen für ein neues Denken entwickelt.
Der Verein Pro Grün hat sich 1974 gegründet, als es um die Rettung der Ravensberger Spinnerei ging. Einmischung von/nach oben, gegen mehrfache Beschlüsse des Rates dieser Stadt.
Warum das wichtig ist …
Aus der großen Menge von Dokumenten und Aktionen wurden für den Kalender 12 Fälle ausgewählt. Sie sind exemplarisch und werden zusammen mit vielen anderen Fällen in dieser Chronik erläutert und interpretiert. Man kann jedes „Monatsthema“ unabhängig vom Datum als „Ewigkeitsthema“ betrachten. Inwieweit das für die Zukunft und für nachwachsende Subjekte lehrreich ist, wird hier kritisch reflektiert.
- Januar: Ravensberger Spinnerei
- Februar: Ravensberger Park
- März: CVJM-Haus
- April: Germers Haus – Ensemble am Nebelswall
- Mai: Lutterstadt Bielefeld
- Juni: Freilegung der Lutter
- Juli: Grüner Stadtring
- August: Platanenallee
- September: Johannisbachaue
- Oktober: Plan B – Erweiterung der Universität und FH
- November: Flächennutzungskonkurrenz
- Dezember: Gellershagen-Park: Abwägungsdrama Bäume vs. Senioren?