1980-1989

 1. Info

Die „Rütlistraße“ als Landesstraße sollte über das Tal hinter dem Rütli („Haarnadelkurve“) mit einer großen Brücke begradigt und beschleunigt werden. Dies wäre ein signifikanter Eingriff in den Naturpark Teutoburger Wald gewesen. In zweiter und letzter Instanz wurde die Planung vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster beendet. Da es zu der Zeit kein Verbandsklagerecht gab, mussten betroffene Privatbürger (Raban von Spiegel/ Melanie von Spiegel/ Klara Vogel) ) das Verfahren betreiben; guter Rat – hier durch Pro Grün und durch den Rechtsanwalt Arnold Riedenklau in Bielefeld – war aber erlaubt. Das finanzielle Risiko wurde von Dietmar Stratenwerth persönlich übernommen.

Das Gericht hatte die Berufung des Landestraßenbauamts gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Minden zurückgewiesen mit einem formellen Argument: Die Rütlistraße werde im Straßenbedarfsplan des Landes nicht erwähnt, der Planfeststellungsbeschluss sei wegen dieser unterlassenen gesetzgeberischen Maßnahme rechtswidrig. Nicht die Sachargumente waren prozessentscheidend, sondern der sorglose Umgang der Fachbehörde mit ihren eigenen Formvorschriften.

2. Interpretation

In einem frühen Schreiben Dietmar Stratenwerths vom 8.7.1977 an den damaligen Leitenden Straßenbaudirektor hatte es geheißen: „Ich halte die brutale Perfektion, mit der die Rütlistraße ausgebaut wird, für einen Anachronismus, der in die Geschichte als das traurige Zeugnis einer Generation eingehen wird, deren Denken von dümmlichem Fortschrittsglauben gekennzeichnet ist.“

Der Rechtsanwalt Arnold Riedenklau hoffte am Ende, „dass die Erinnerung an eine umweltzerstörerische Fehlplanung und an einen erfolgreichen, scheinbar aussichtslosen Kampf gegen behördliches Zwangsgeschehen wach bleibt.“ (in: Naturschutz neu denken. 2003, 151)


Kontext: Die autogerechte Stadt ist als Leitbild etabliert, von der Sennestadt bis zur Ravensberger Spinnerei. Aber es tauchen neue Routinen auf, v.a. im Gebot der Abwägung zwischen verschiedenen Belangen.

Subtext: Es gibt eine Art Kulturkampf im Straßenbau, der durchaus auch machtpolitisch und moralisch geführt wird. 

 1. Info

„Kommt in den Wald, den grünen, grünen Wald, kommt, hört das große Rauschen …“ sang der Bielefelder Kinderchor gestern bei der Feierstunde für den Wald. Vor der Treppe des Theaters am Alten Markt stand eine Reihe Fichten. Kümmerliche Gewächse mit braunen Nadeln und schlaffen Ästen. Dabei waren die Bäume im Teutoburger Wald frisch gefällt. Beweisstücke des fortschreitenden Waldsterbens durch sauren Regen, Trockenheit und Monokultur. Der gemeinnützige Verein Pro Grün hatte gestern Nachmittag auf dem Alten Markt mit einer Feierstunde für den Wald aufmerksam gemacht. Motto der einstündigen Veranstaltung „Wer hat Dich, Du schöner Wald …?“ „Nicht das Machbare tun und über das Mögliche nachdenken, sondern: Das Mögliche tun und über das Unmögliche nachdenken.“

An der Feierstunde für den Wald waren neben dem Bielefelder Kinderchor der Bläserchor Hubertus, der Männergesangverein Sieker und Christine Schrader von den Städtischen Bühnen Bielefeld beteiligt.“ (sh. Pro Grün Schriften 4/1983)

2. Interpretation

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ – so beginnt das Buch „Die Realität der Massenmedien“ (1995/2004) des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. Wie kann man aber als jeweiliger Laie dem Presse-Stammtisch entkommen? Man muss doch etwas machen, sagen die gutmeinenden Laien trotzdem. Zumal dann, wenn es um Leben und Tod geht: Waldsterben. So hat sich auch Pro Grün an die Front begeben.

   „Anfang der 1980er Jahre ist es unübersehbar: Große Teile der Wälder sind stark geschädigt, der deutsche Wald in höchster Gefahr. Das ganze Land spricht vom Waldsterben. Eine Studie, die das Umweltbundesamt (⁠UBA)⁠ beim Göttinger Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich in Auftrag gibt, zeigt die Ursache der Schäden: Nämlich die hohe Luftverschmutzung, vor allem mit säurebildenden Abgasen, die als „Saurer Regen“ niedergehen und den Baumbestand teilweise vernichten. Höchste Zeit für durchgreifende Maßnahmen zur Luftreinhaltung. Heute sind die Schäden zwar erfolgreich eingedämmt, aber immer noch nicht vollständig beseitigt.“

   (www.umweltbundesamt.de/geschichte-umwelt/1980#waldsterben)

   "Wir müssen nach wie vor ein Auge haben auf den deutschen Wald", sagt Bernhard Ulrich. Seinen Kassandra-Ruf von 1981 bereut er bis heute nicht: "Die Diskussion um das Waldsterben hat mit dazu beigetragen, dass in Deutschland ein breites ökologisches Bewusstsein entstanden ist." Da wird ihm niemand widersprechen.

   (www.spiegel.de/wissenschaft/natur/umweltschutz-was-wurde-aus-dem-waldsterben-a-1009580.html)

Der Diskurs war heftig, es fiel im Subtext immer auch der Ideologie-Verdacht. Hinterher ist man immer schlauer, heißt es an denselben Stammtischen. Aber sind wir wirklich schlauer nach dem 1980er Diskurs über Sauren Regen? Ist nicht heute, 2025, der Waldzustand schlimmer denn je, wenn auch aus anderen Ursachen? Ist nicht auch heute das Thema schon wieder in den Hintergrund gerückt?

Das Konzept der Pro-Grün--Veranstaltung lautete: Emotionalisierung (heute: „Ökologisches Bewusstsein“). Ausnahmsweise, denn eigentlich soll ja „sachlich“ aufgeklärt werden. Kann da der Bielefelder Kinderchor standhalten? Pro Grün meinte: Ja, denn die Sachaufklärung funktioniert eben nicht immer, und dann kann Emotion helfen. Eine heikle Entscheidung ist es trotzdem gewesen.

Eine Besonderheit war es dann, als in der Pro-Grün-Ansprache von der Theatertreppe aus davor gewarnt wurde, nun die Atomkraftwerke zu fördern, weil die ja keinen Schwefel ausstoßen. „Die kaufe ich mir“, drohte ein Ratsherr gegen die Pro-Grün- Veranstalter. Er hat dann nicht gekauft,, weil es da nichts zu „kaufen“ gab… Heikel ist es aber, ein Problem mit einem anderen Problem zu lösen und „über Bande“ zu argumentieren („what aboutism“ heißt das heute als rhetorische Figur).


Kontext: Ein emotionales Thema wird weiter emotionalisiert; Kinderchor und Waldhornbläser werden zu Akteuren gemacht. Legitimation: „Es ist 5 vor 12“. Es wird eine Situation/ ein Arrangement aus Ort, Zeit und Handlungszusammenhang hergestellt. Das Renommee des Vereins wird eingesetzt. Ungewollte Nebenwirkungen werden riskiert.

Subtext: Waldsterben ist menschengemacht, es muss sofort gehandelt werden, auch wenn nicht alle Fachfragen geklärt sind. Die Mahner sind die Guten. 

 1. Info

(Gelsenwasser AG) 17.8./18.8.1984 Haus Neuland (Referenten u.a. NRW-Minister Matthiesen; D.Stratenwerth; K.Zeitz, Gelsenwasser AG; J.Model, RP Detmold; Dr. Proske Stadtwerke Bielefeld; Dr. Barkowski, IfUA Bielefeld)

Das Thema „Wasser“ wurde anhand der Idee von einem Wasserverbund und dessen Privatisierung (Gelsenwasser) diskutiert. Das Thema wird aktuell, 2024, gerade neu erfunden. Streitig waren u.a. die Bevorratungspolitik (auslegen auf Spitzenachfrage?), die Wasserqualität (Ausgleich von Störungen im Verbund und nicht vor Ort), der gesundheitliche Aspekt (Chlorung, Umsetzungsreaktion zu chlorierten Kohlenwasserstoffen) , politischer Aspekt (Machtposition, Beeinträchtigung politischer Entscheidungsspielräume, Gemeinwohlinteressen vs. betriebswirtschaftliche Aspekte einer AG)

„Ein Gewinn für eine aufgeklärte Demokratie, diese Kontroverse auf ‚neutralem Boden‘ (Haus Neuland) austragen zu können.“ (Dr. Cremer, Bundeszentrale für Politische Bildung)

2. Interpretation

Ein mächtiges Unternehmen, die „Gelsenwasser AG“ drängte auf den Markt bzw. wollte einen solchen Markt schaffen. Wasser sollte über eine Aktien-Gesellschaft privatisiert werden, statt dies als öffentliche Aufgabe etwa von Stadtwerken zu regeln. Man kann darin die Erzählung von der Allmende, also vom Gemeineigentum an Wasser, wie auch Luft und Boden erkennen. Aber daran wird regelmäßig genagt, z.B. wenn Boden vom Ökosystem und gesellschaftlichen Grundbedürfnis per Ortssatzung (Bebauungsplan) zum Baugrund gemacht wird.


Kontext: Die Geofaktoren Boden/ Wasser/Luft werden kaum öffentlich und explizit wahrgenommen; sie sind einerseits Teil der Allmende, andererseits aber ein Wirtschaftsfaktor im freien Markt. Da gelten eigene Regeln.

Subtext: Wenn Boden/Wasser/Luft als Teil der Allmende wirtschaftlich genutzt werden, muss der Staat für Ordnung sorgen, oder die Bürgerschaft. 

 1. Info

Es hat im Verlaufe der letzten Jahrzehnte im Ringen um eine behutsame Stadtentwicklung nicht an kritischen Stimmen gefehlt. Aber es wurde oft anders entschieden, weil es – vermeintlich – Sachzwänge gab. Wirtschaftswachstum und Auto-Mobilität, getragen von viel Fortschrittsgläubigkeit. Fertigbeton und Einheitsfassaden machten nirgendwo halt, sie drängten auf den Berg und in die Innenstadt. Zu Richtlinien gewordene Vorstellungen von der autogerechten Stadt bestimmten, wo eine Allee oder ein Denkmal im Wege war. Träge Entscheidungsprozesse und vielleicht falscher Stolz („Politik entscheidet!“) haben dazu geführt, dass Planungen der sechziger Jahre in den Achtzigern noch zu Asphalt und Beton wurden. „Obwohl wir das“, sagte ein Fraktionsvorsitzender im Rat, „heute nicht mehr so beschließen würden“. („Stuttgart 21“ lässt grüßen.)

2. Interpretation

Es sind einige gewichtige Dokumentationen zum Bielefelder Stadtbild erinnerlich, z.B. eine dreiteilige Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle 1977: Deine Stadt Bielefeld, 1979: Deine Stadt Bielefeld: Ein Stadtteil, 1982: Deine Stadt Bielefeld: Das Grün) , oder die dreiteilige Buchveröffentlichung von Günter Gerke, 1973: „Bielefeld, so wie es war“). Diese dürften wie ein gut kommentiertes Album interessiert durchgeblättert und bald wieder geschlossen werden. Der hier vorliegende Pro-Grün-„Abrisskalender“ ist dagegen politisch fokussiert und wurde in der Vergangenheit oftmals als Gabe an Entscheidungsträger verteilt, z.B. regelmäßig an neue Dezernenten für Bau und Umwelt. Ihre Wirkung wird nicht direkt eintreten, aber man kann immer mal wieder das große Thema Stadtbild aufrufen. Problematisch mag dabei sein, dass hier so etwas wie ein andauerndes schlechtes Gewissen angesprochen wird. Diese Wirkung ist nicht per se schlecht, aber doch auch stets unangenehm; man wird einen solchen Kalender nicht zum Schmuck an die Wand hängen. Aber er ist in der Welt.


Kontext: Emsige Aufbauarbeit („Wiederaufbau“) ist verbunden mit schnellem Abbau/ Abriss („Sachzwang“). Viele Akteure, wenig konstruktive Kritiker, allenfalls in der APO („Wem gehört die Stadt?“)

Subtext: Das „Wirtschaftswunder“ ist der Treiber des „Fortschritts“. Beides lässt sich kaum in Frage stellen. 

 1. Info

Die Zukunftswerkstatt Bielefeld e.V. schlug nach langen Beratungen im kleinen Zirkel ein Parkraumbewirtschaftungskonzept zunächst am Beispiel Hagenbruchstraße vor. Zentrale Idee: Es werden im Altstadthufeisen nur PKW von Anliegern und Lieferanten mit Hilfe von beweglichen Pollern eingelassen sowie wenige Plätze für Kurzparker erhalten („Dingwerth-Brötchen“, Modell Wien: strenge Kurzzeit/ 15 Minuten, Aus für „Poser“). Ein reiner Durchgangs- und Parkplatz-Suchverkehr sollte vermieden werden. Das Konzept wurde vom kooptierten Vorsitzenden des OWL-Einzelhandelsverbandes Hans-Friedrich Thoben propagiert und von den Einzelhändlern begrüßt. Nach kurzer Zeit wurde der praktische Versuch dann aber von der Verwaltung wieder eingestellt; die Wächter wurden abgezogen, ohne weitere Begründung oder Evaluation.

Eine weitere Werkstatt-Übung der Zukunftswerkstatt befasste sich mit der Ökobilanz von Milchflasche oder –karton. Das erwartete Ergebnis schien klar: Milchflasche ist „ökologischer“. Mit Hilfe des Chefs der Milchwerke Herford wurde aber nach mehreren Sitzungen klar: Die sechsmalige Spülung von Flaschen ist ökologisch sehr bedenklich, sie erzeugt am Ende Spülwasser als Sondermüll. Also lautet die Abwägung: Es kommt darauf an.
Erkenntnis: Es gibt in mancherlei Alternativen keine einfache, unterkomplexe Lösung, weder in der Sache noch im Kalkül der Akteure und deren Interessen. Aber es gibt trotzdem Entscheidungen und Handlungen, wissentlich und reflektiert. Es kann sich auch der Problem-Fokus verschieben, wie gegenwärtig im Themenkreis "Plastikmüll und Ozeane"; es kommt eben darauf an.

2. Interpretation

Immer mal wieder haben sich engagierte Bürger, z.B. die Architektenschaft um ein Altstadtkonzept bemüht. Zuletzt war es die Rats- und Verwaltungsinitiative „altstadt.raum.de“ (2023f). In euphorischer Attitüde wurde eine Vision präsentiert.

„Ein Raum für alle. Ein Projekt der Stadt Bielefeld“

   "Die Bielefelder Altstadt soll schöner werden: Ein Raum zum shoppen, genießen, flanieren, Kultur erleben. Für eine zukunftsfähige Altstadt mit hoher Aufenthaltsqualität und Attraktivität. Shoppen, genießen, flanieren, Kultur erleben – die Bielefelder Altstadt soll schöner werden. Attraktive Geschäfte, spannende Cafés, Restaurants, Bars, kulturelle Events und vieles mehr – so sieht eine lebendige Stadt aus. Der altstadt.raum als Treffpunkt für alle Bürgerinnen. Deshalb möchten wir Handel, Gastronomie und Dienstleistung stärken, die Aufenthaltsqualität, Attraktivität und Lebensqualität steigern, die Sicherheit erhöhen und für die Folgen des Klimawandels, wie z. B. Überhitzung (urbaner Hitzeinseleffekt), zukunftsfähig aufstellen – das sind die gemeinsamen Ziele für den altstadt.raum. Wir sind davon überzeugt, dass wir zusammen mit allen Akteurinnen unsere Altstadt noch lebenswerter gestalten können. Seien Sie dabei! Machen Sie mit!“ (altstadtraum.de)

Diese Initiative war zwar zeitgemäß und wohlmeinend, aber sie ist gescheitert. Z.B. wurde aufwändig und heftig diskutiert, ob die Einfahrt in die Altstadt über die Straße am „Waldhof“ zweckmäßig und erfolgreich sein könnte, oder gerade nicht. Auch die Maßnahmen zur Stadtverhübschung (z.B. die unansehnlichen Holzpaletten und Tischtennisplatten) waren wenig überzeugend. Es gab bald den umfassenden Versuch eines Neustarts. Aber das würde erneut eine Konzeptualisierung nötig, um aus dem Modus des Scheiterns heraus zu finden. Eine Aufbruchsstimmung und ein kreatives Milieu ist noch immer nicht in Sicht.

Es braucht auch hier „die richtigen Leute am rechen Ort zur rechten Zeit“. Das Konzept einer halbdurchlässigen Altstadt, von Pro Grün und der Zukunftswerksstadt exemplarisch entwickelt, wurde 1984 in einem Reallabor Hagenbruchstraße erprobt. Begrenzt, kooperativ und entschlossen ging man hier ans Werk, Personal wurde zielführend eingesetzt, Schritt für Schritt hätte man hier vorgehen können. Aber daran hat es gemangelt, das erfolgreiche Konzept wurde in kurzer Zeit erfolglos gemacht. Erst Jahrzehnte später wurde der Grundgedanke für den Fall Klosterplatz umgesetzt, nun erfolgreich. Man hätte davon lernen können, dann hätte das aktuelle Scheitern am Waldhof vermieden werden können.


Kontext: Die Altstadt/ das „Hufeisen“ wird als Lebens- und Gestaltungsraum erkannt, aber die Verwaltung zeigt hier, jenseits einiger Pflasterarbeiten, keine Initiative. „Wo ist eigentlich das Problem?“ – eine sehr dezente Debatte. Die Fußgängerzonen erscheinen als das wichtigste Handlungsfeld.

Subtext: Eine Mängelliste erscheint als Mäkelei; ein Beirat für Stadtgestaltung wird/ würde kaum wahrgenommen. 

 1. Info

„Bürgerantrag. Der gemeinnützige Verein Pro Grün Grün e.V. wendet sich gemäß §11(2) der Hauptsatzung über den Beschwerdeausschuss an den Rat der Stadt Bielefeld.

Der Rat der Stadt Bielefeld hat sich mit umweltschonender Hausmüllentsorgung und Alternativen zur Müllverbrennung befasst. Der entsprechende Beschluss hat neben dem Grundsatz auch festgelegt, Gutachter zu beauftragen und in der Zwischenzeit keinen Feldversuch zu machen. Um keine Zeit zu verlieren und die abschließende Meinungsbildung nicht nur in Abhängigkeit von Gutachter-Expertisen zu belassen, halten wir praktische Versuche – auch mit Hilfe der privaten Wirtschaft – doch für zweckmäßig. Am Ende sollte die beste Lösung gewählt werden; dazu gehört zunächst die Kenntnis der möglichen guten Lösungen. pro grün hat zwei erfahrene Büros und Unternehmen (ETB Entsorgungs- und Transportberatung in Bremen-Brinkum und das Ingenieurbüro für Umweltplanung „infu“ in Witzenhausen) um einen konkreten Vorschlag für einen begrenzten Versuch gebeten. Wir übergeben Ihnen hiermit das Ergebnis. Daraus ergibt sich, dass sofort mit dem Versuch begonnen werden kann. Die Berater sind laut mündlicher Auskunft bereit, zusammenzuarbeiten und sich zu ergänzen. Da andere Städte hier vorangegangen sind, braucht keine Sorge zu bestehen, dass Bielefeld sich damit zu weit vorwagt. Pro Grün bittet um beschleunigte Beratung. Schnell zugängliche Argumente zur Abwägung finden sich u.a. in „natur“ 9/1984, 51-66. Zur Beschleunigung unserer Initiative übergeben wir diese Anregung zur Kenntnisnahme an die Fraktionsvorsitzenden und die Mitglieder des Umweltausschusses. Bielefeld, 31. Oktober 1984

(Recyclingversuch zur getrennten Sammlung von Wertstoffen aus dem Hausmüll. Testgebiet= repräsentativer Querschnitt der Bevölkerungsstruktur und der Wohn- und Verkehrsinfrastruktur. Durchführung des Versuchs mit örtlichem Unternehmen/ Hermann Kastrup, Versuchsauswertung wissenschaftlich begleitet. Kosten des Versuchs pauschal 22.000 DM)

2. Interpretation

Der Bürgerantrag von Pro Grün an den Rat der Stadt war wie so oft, sehr (zu sehr?) früh gestartet; er ging zudem von einer Hoheit der Kommune über die Pflichtaufgabe Müllentsorgung aus. Jahrelang hatte zudem bereits der Kampf um die Müllverbrennungsanlage um die Nachrüstung einer riesigen Filteranlage getobt. Da hat, im nachhinein betrachtet, Pro Grün ein Zeitgeistthema aufgegriffen, sich aber übernommen. Der Zug war bereits unterwegs, voller Gelber Säcke.

Die Initiative wurde alsbald gestoppt. 

 1. Info

Die erste offizielle Veranstaltung im fast fertigen Spinnereigebäude.

Der Lokalchef der NW Günter Gerke führte ein Gespräch mit dem Vorstand: „Zehn Jahre Pro Grün – sind Sie mit Ihrem Erfolg zufrieden? Stratenwerth: Ja und nein - wir sind zwar der Meinung, dass sich die Bewußtseinslage der Bevölkerung verändert hat, auch die der Politiker und der Verwaltung. Schürer: zum Teil. Stratenwerth: Im politischen Raum erschöpfen sich die Aktivitäten aber immer noch im wesentlichen nur in der Akklamation. NW: Können Sie ein Beispiel nennen? Rhode-Jüchtern: Wir glauben, dass sofort mehr als die Hälfte der Bürger ihren Müll sortieren würde. Wir glauben, dass sofort die Hälfte der Bürger ein Tempolimit akzeptieren würde, wenn dadurch dem deutschen Wald zu helfen ist. Wir glauben, dass die Bürger freiwillig zwei Pfennig pro Kilowattstunde Strom zur Entschwefelung der Kraftwerksemissionen aufbringen würden. Und wir haben noch eine Menge Glauben mehr. NW: Sie wissen ja: Wer glaubt, wird selig. Sie sind also selig?“

2. Interpretation

Das 10-jährige Jubiläum fand an einem hochsymbolischen Ort statt: Großer Saal der Ravensberger Spinnerei, gerade noch als Baustelle erkennbar, vor einem hochkarätig-bürgerlichen Publikum. Die Rettungsgeschichte wurde in Szene gesetzt, am Eingang saß der Architekt mit einem großen Zirkel. Damit hatte sich der Verein in APO-Zeiten unterscheidbar gemacht und konnte die akuten Themen abermals und seinerseits besetzen. Damit konnte auch das Umwelt-Spektrum in Bielefeld definiert werden: „die vier Verbände“ (BUND, Nabu, LNU und Pro Grün) konnten fallweise gemeinsam auftreten und damit die Front entsprechend vergrößern.

Das Jubiläum in der Raspi umkreiste v.a. zwei Erfahrungen: Erstmals wurde in großem Stil entgegen gültigen Ratsbeschlüssen durch einen bürgerlichen Förderkreis etwas Großes für die Stadt ermöglicht. Und zweitens wurde die Kleinmütigkeit der Politik kompensiert: Aus einem vermeintlich „Weißen Elefanten“ wurde ein grünes Herz der Stadt und ein preisgekröntes Baudenkmal (Deutscher Preis für Denkmalschutz).


Kontext: Erstmals wurde spektakulär entgegen dem Generalverkehrsplan (Prof. Schächterle) und allgemein entgegen der autogerechten Stadt die Stadtgestalt mit Priorität ausgestattet.

Subtext: Ratsbeschlüsse sind kritisierbar und änderbar. 

 1. Info

Bürgerantrag: Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, Pro Grün bittet den Rat zu beschließen: Der Rat beauftragt das Tiefbauamt, die Planungen für den Grünen Stadtring zügig und bevorzugt voranzutreiben. Insbesondere ist die Planung für den Ausbau der Alfred-Bozi-Straße zu beschleunigen und vorzuziehen. Dabei sollten Gesichtspunkte der Stadtgestaltung, zu denen die Wiederherstellung des alten Stadtringes gehört, im Vordergrund stehen. Hierzu gehört mindestens eine doppelte Baumreihe zwischen den Fahrbahnen. Teillösungen, wie z.B. eine vorweggezogene einseitige Baumpflanzung, sind abzulehnen.“ (Schreiben vom 14.11.1985)

Firma Seidensticker: „Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, wir möchten unseren Beitrag leisten zum Gelingen dieser Aktion. Unser Haus beschäftigt innerhalb der Stadt Bielefeld 1.150 Mitarbeiter. Von diesen sind 122 Auszubildende, deren Ausbildungszeit sich bis zu drei Jahren erstreckt. Symbolisch möchten wir für jeden der jungen Menschen – verteilt auf den Zeitraum von 3 Jahren – einen Lindenbaum stiften, um damit den Glauben an eine positive Zukunft unserer Jugend zu dokumentieren. Gleichzeitig aber auch soll dies ein Dankesgruß sein an die Stadt, in der wir arbeiten und leben.
gez. Walter Seidensticker, Gerd Seidensticker, Jörg Zander“

Dem Stadtarchiv liegen alte Fotos von der Trasse der Wälle vor, zum Beispiel vom Ulmenwall: Der Ulmenwall ist heute nicht einmal mehr auf der Stadtkarte zu finden. Der Charakter der Straße verschwand wie der Name. Vielen Bielefeldern ist er aber noch als eine herrliche Allee vom Landgericht bis zum Rathaus und dem dortigen Schillerplatz in Erinnerung. Zum andern von der Artur-Ladebeck-Straße zum Jahnplatz; auf der Trasse des alten Walls/ Straßenbahn verliefen nur noch ein Schotterbett und zwei Reihen wilder Autoparkerei.

Das muss zusammengedacht werden mit der Ausstellung „7.000 Eichen“. Joseph Beuys hatte zur „documenta 7“ in Kassel mit der Pflanzung von 7000 Eichen zur „Stadtverwaldung“ begonnen, „als erster Schritt, die gegenwärtige Notlage der (Um)welt anzugehen“. Zur Ausstellung „7.000 Eichen“ in der Bielefelder Kunsthalle wird Oberbürgermeister Schwickert auf der alten Straßenbahntrasse vor dem Haupteingang des Gebäudes 16 Linden pflanzen“. (NW 25.5.1985, WB 3.6.1985)

Pro Grün übernahm das Management. „Der Grüne Stadtring nimmt Form an. Für eine Welt, in der sich Menschen über Bäume freuen. 33 Bielefelder spendeten bereits je 150 DM für die Pro-Grün-Aktion.“ ( NW 3.9.1985) Die Namen der Spender stehen heute in einem dicken Folianten zu treuen Händen des Stadtarchivs

2. Interpretation

Das „Hufeisen“ ist Landmarke der Altstadt, damit tabu für beliebige Nutzungen (wie z.B. wildes Parken). Diese Bewertung musste durchgesetzt werden. Dies gelang durch eine attraktive Nutzung (Baumallee) , die mit Hilfe der Presse (und der Kunsthalle) durchgesetzt wurde. Dafür brauchte es einen „Geschäftsführer“, der sich kümmert und dranbleibt. Diese Rolle hat sich Pro Grün im Einvernehmen mit anderen Akteuren angeeignet. Sich kümmern, Dranbleiben, Einverständnis einwerben sind die Vokabeln für ein solches Projekt. Dann fällt z.B. auf, dass beim Umbau des Jahnplatzes zwei Bäume aus dem Stadtring gefällt wurden für eine LKW-Zufahrt in die Friedenstraße; heute sind diese zwei Bäume wieder neu gepflanzt. Eine Ewigkeitsaufgabe ist esdagegen, in besonders trockenen Sommern für eine auskömmliche Bodenfeuchte zu sorgen. Dafür werden zunächst Anlieger/ Geschäftsleute motiviert; danach kommt dann womöglich wieder der Umweltbetrieb mit dem Wasserwagen.


Kontext: Die Kasseler documenta 7 und der Name Joseph Beuys waren ein starkes Motiv für die Kultur in Bielefeld, man konnte an große Namen andocken und den Kunstbegriff erweitern (Basaltstelen für eine „Stadtverwaldung“). Abermals mussten Autos ihren Besitzstand auf billiges Parken aufgeben; dafür haben wir heute einen Grünen Stadtring. Nicht bekommen, sondern geschaffen und „kuratiert“.

Subtext: Die alten Wallanlagen bzw. ihr Verlauf im Stadtbild sind künftig tabu für profane Nutzungen. „Geht nicht“ gibt’s nicht. 

 1. Info

   „Das Teutoburger Waldheim wird nicht abgerissen. Und wenn ich mich selbst vor den Bagger setzen muss.“

   (NW-Lokalchef Günter Gerke)

Nachdem die 2. Med. Klinik im Frühjahr 1983 das Teutoburger Waldheim geräumt hatte, war zunächst der Abriss vorgesehen. Räumung und Abriss sollten der Kostenersparnis für die Stadt Bielefeld dienen. Durch Initiative von Pro Grün und dem Beirat für Stadtgestaltung (deren Vorsitzende war zugleich Geschäftsführerin von Pro Grün) und mit Hilfe der Presse wurde die Denkmalwürdigkeit des Gebäudes festgestellt und eine öffentliche Diskussion angeregt. Der damalige Baudezernent Jürgen Hotzan, von Haus aus Tiefbauer, polemisierte gegen Pro Grün, dieser Verein sei – angesichts der Lage am Waldrand – doch sonst immer für Bäume. Der Denkmalpfleger des Landschaftsverbandes in Münster hat den kunst- und kulturhistorischen Wert des Teutoburger Waldheims festgestellt, in Laiensprache: „Zauberberg“.

   „Im Jahr 1906 wurde das Teutoburgerwald-Sanatorium inmitten des Teutoburger Waldes als Sanatorium erbaut. Viele Bielefelder kennen das Objekt wegen seines einzigartigen Charakters, wegen seiner Ensembles aus Fachwerk und bossiertem Sandstein, seinen hohen Fensterbögen und seinem natürlichem Umfeld. In Form eines „Feudalpalais“ zeigt es eine für die damalige Zeit charakteristische Mischung aus Barock und Jugendstil. Das große, sich palastartig präsentierende Gebäude stellt ein damit einmaliges Objekt der Sanatoriumsarchitektur im ostwestfälischen Raum dar. Die Anlage mit über 1.700 Quadratmetern Fläche liegt auf einem 12.000 Quadratmeter Grundstück, Das Haus hat seitdem eine wechselvolle Geschichte als Heilstätte, Museumslager und Übergangsheim durchlebt. Seit Ende der 80er Jahre steht das mitten im Naturschutzgebiet gelegene Gebäude leer. Zeitweilig war es besetzt; außerdem wurde es als Übungsgebäude für Polizei- und Katastrophenschutzmanöver genutzt. Nähert man sich dem Teutoburger-Wald-Heim heute, erweckt das seit langem unter Denkmalschutz stehende Gebäude den Eindruck eines Dornröschenschlosses, das auf seine Wiedererweckung wartet. Es fehlen fast alle Scheiben, Putz bröckelt, Kraut wächst aus der Fassade, die durch zahlreiche Teilerneuerungen heute einen nicht mehr ganz so homogenen Eindruck hinterlässt.“

   (auferstandenausruinen.de)

Es traten eine Reihe von Bewerbern auf, die zugleich die Breite der künftigen Nutzungsmöglichkeiten und deren jeweilige Schwierigkeiten offenbarten. Gewichtige oder bescheidene Investoren/ ehrenamtliche Gruppen/ Altenwohnungen/ Künstlerhaus/ Galerie. In der Stadtverwaltung und im Planungsausschuss gab es Befürchtungen, eine Nutzungsänderung des ehemaligen Sanatoriums könnte a) bei Privatinvestoren nicht im erwünschten Maße kontrolliert werden, b) bei armen Trägern Folgekosten für die Stadt erzeugen, oder gar c) ein Präzedenzfall für weitere Wohnungsansprüche am Hang des Teutoburger Waldes werden. Die meisten Bewerbungen wurden nach und nach von den Interessenten zurückgezogen. Der ehemals gute bis befriedigende Zustand der Bausubstanz (vgl. Gutachten Crayen vom 15.9.1982) hat sich in zwei Wintern durch eine Hausbesetzung bis zur Verwahrlosung und Substanzgefährdung verschlechtert. Außerdem sind ca. 100.000 DM an Heiz- und Bewachungskosten ohne Fortschritt in der Sache ausgegeben worden.

Ohne über die Gründe der Verzögerung zu spekulieren, lässt sich feststellen:

  •    Das Gebäude ist nach der Rettung vor dem Bagger ein zweites Mal in größter Gefahr, diesmal durch den Zahn der Zeit;
  •    eine Perspektive für den Erhalt des Baudenkmals lässt sich noch nicht erkennen – trotz der grundsätzlichen Erhaltungsbereitschaft vieler;
  •    es müssen von der Stadt als Treuhänderin des gemeinsamen baukulturellen Erbes erhebliche Bemühungen erwartet werden;
  •    Die eine Patentlösung für alle und zum Nulltarif gibt es nicht.

Aus einem Kolloquium der Arbeitsgruppe aus BDA, Förderkreis Stadtqualität, Beirat für Stadtgestaltung und Pro Grün entstand ein Vorschlag; er wurde am 23.5.1985 dem OB, den Fraktionsvorsitzenden und dem Oberstadtdirektor übergeben, rechtzeitig vor dem dritten Winter.

   „Im Jahr 2004 erwarb ein Bielefelder Investor den nur notdürftig winterfest gemachten Komplex und ließ es unter Beachtung der strengen denkmalrechtlichen Vorgaben unter dem Arbeitstitel „Stadtpalais an der Habichtshöhe**“** in zwölf großzügige Eigentumswohnungen umbauen. Dach, Fenster, Böden und Decken wurden erneuert. Die Fassade wurde aufgemöbelt. Innen wurde moderne Technik mit zwei Fahrstühlen und Fußbodenheizung eingebaut. Alle Wohnungen wurden ergänzt durch überdachte Terrassen im ehemaligen Wandelgang, Balkone, Loggien und Dachterrassen. Die oberen drei Wohnungen reichen über zwei Etagen; die mittlere bezieht sogar den Turm des Gebäudes mit kleiner Aussichtsplattform und unbegrenzter Weitsicht auf die umliegende Mittelgebirgslandschaft mit ein. Die zwölf Wohnungen werden 113 bis 147 Quadratmeter groß und für Preise zwischen 248.000 und 361.000 Euro vermarktet, 2.200 bis 2.400 Euro pro Quadratmeter.“

   (auferstandenausruinen.de)

2. Interpretation

Der Saum des Teutoburger Waldes ist im Prinzip und qua Selbstbindung des Rates tabu für bauliche Nutzungen, es sei denn, es besteht Bestands- oder Denkmalschutz. In unserem Fall war der Eigentümer (die Stadt Bielefeld) an einem Schutz nicht interessiert. Im Gegenteil: ein Abriss der ehemaligen Klinik wurde forciert. Der Baudezernent packte Pro Grün an dessen Selbstverständnis ("Sie sind doch sonst immer für Bäume"). Das Haus verfiel, es wurde hausbesetzt. Pro Grün bewertete den Schutz als vorrangig und betrieb den Denkmalschutz im Außenbereich, entgegen dem Eigentümer-Interesse (Stadt) und für das Interesse möglicher Nachnutzer. Heute ist es ein „Zauberberg“, allerdings im Interesse eines kommerziellen Investors und der privaten Käufer. Alles hat zwei Seiten, das ist manchmal schmerzlicher als ein bloßer Kompromiss.


Kontext: Es hat Tradition, dass die Stadt Liegenschaften kauft, um sie abzureißen (z.B. die Höfe für den Flughafen Nagelsholz, die Raspi) oder um Kosten zu sparen. Es ist deshalb sinnlos, in solchen Fällen nach anderen Sachgründen zu forschen.

Subtext: Auch wenn etwas anderes behauptet wird: Es gibt einen Hauptgrund. Er offenbart sich aber nicht von selbst. Man muss aktiv danach fragen, um ihn zu finden. 

 1. Info

Nach dem „Bielefelder Abrisskalender“ von 1984 liegt hier eine Rundreise mit positiven Beispielen geretteter Häuser vor. Pro Grün fragt: „Wie sind die Bielefelder in den letzten Jahren mit einzelnen (Bauern)Häusern umgegangen? Wie verändert sich die Situation im Detail, oft unbemerkt, beeinflusst von vielen einzelnen Stellen, Eigentümern, Planungen. Wie sieht, im Vergleich zum großen Durchgriff einer Sanierung der kleine Alltag des Umgangs mit unserer gebauten Kultur aus? Der Text stammt von der Heimatforscherin Gertrud Angermann.

Inzwischen gibt es einen dritten Kalender: „Lob der Einmischung“ (2024)

2. Interpretation

Komplementär zum Abrisskalender (1984) zeigt der Höfekalender zwölf Beispiele vom schonenden Umgang mit Häusern. Im vorliegenden Fall geht es dabei nicht vorrangig um ein Rettungsmanagement, sondern um eine aufmerksame und sachkundige Wertschätzung; zugleich geht es um eine Schule des Sehens.


Kontext: Man kann die Stadt in thematischen Perspektiven sehen, z.B. Skulpturen, Restaurants, Parks etc. oder zum Beispiel alte Höfe. Erst viele Themen machen das Bild der Stadt aus. Anders ausgedrückt: Wenn eine Perspektive gewählt wird, sind für diesen Moment andere Perspektiven nicht im Fokus. Sehen ist so komplementär zum Nicht-Sehen.

Subtext: Wenn wir etwas sehen, sehen wir zugleich etwas anderes nicht. 

 1. Info

Ein Lehrbuch-Beispiel, wie die laufende Verwaltung zuweilen mit dem historischen Erbe umgeht. Ankauf (Vorkaufsrecht) von der Eigentümerin (Frau Germer) durch die Stadt zur Überplanung durch die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG).

Alte Pläne dafür stammen aus dem Jahre 1966. Abriss „städtebaulich erwünscht“. „Keine Ergebnisse in Richtung auf ein Gesamtkonzept“. Vorgeschobene Begründung: „“vernünftige Belichtung“ und leichterer Fußweg entlang der Lutter. Primat einer „behutsamen und erhaltenden Stadterneuerung“ (Land NRW) wird ignoriert.

Pro Grün macht in kürzester Frist vor dem Abriss auf 8 Seiten detaillierte und sehr einfache Vorschläge, die heute allesamt erfüllt sind. Ensemblewirkung, Zugänglichkeit der Lutter für Fußgänger, alternative PKW-Zufahrt etc.

Letzter Satz im Vorschlag von Pro Grün, Stand 1985: „Der Vorschlag ist – vielleicht – eine Hilfe , in Bielefeld eine neue Ära der gemeinsamen Stadtbildpflege durch Rat, Verwaltung und fachkundige Bürger zu begründen“.

Vielleicht.

2. Interpretation

Dieser Fall steht zugleich für das Wächteramt, das sich Pro Grün selbst verliehen hat. Der Verein hat dafür kein Mandat, er verursacht zusätzliche Arbeit in der Verwaltung, „Politik entscheidet“ und wird dann von außen ausgebremst. Einerseits. Andererseits wird da immer einiges unten den Teppich gekehrt, als Geschäft der laufenden Verwaltung (z.B. Erhaltung/ Pflege von Stadtbäumen), mit einem allgegenwärtigen „subjektiven Faktor“.

Im konkreten Fall: Auf einem kurzen Info-Weg hatten wir erfahren, dass die Stadt ein Haus im städtischen Besitz für einen anderen Zweck (Parkplatzzufahrt) abreißen wollte. Das Haus war in einem schlechten Zustand, hatte aber Potenzial in einem Ensemble am Nebelswall. Im direkten Kontakt mit dem Liegenschaftsdezernenten konnten wir innerhalb eines Tages die Erhaltung des Gebäudes aushandeln. Der Deal: Erhaltung des Gebäudes gegen Vermeidung eines großen Klamauks Das Gebäude ist heute ein Schmuckstück in einem klassizistischen Ensemble.


Kontext: Politik wird gemacht, aufgrund von Beschlüssen des Rates oder als Geschäft der laufenden Verwaltung. Das ist ein wichtiger Unterschied für die Aktivitäten des Vereins/ Verbandes; man muss sich zur Unterscheidung oder zum Aufdecken gut auskennen, das gehört zum Machtspiel.

Subtext: Politik will decodiert sein: Alltag, Verfahren, Regeln, Hinterzimmer, Rederecht etc. 

 zus. mit Peter Obbelode, Rosa Rosinski und Karl-Otto Lorenz (NW 14.11.1986)

1. Info

Aus der Urkunde:

   „Der Bürgerinitiative gelang es in jahrelangen Verhandlungen, die stillgelegte und für Zwecke der Verkehrsführung auf Abbruch von der Stadt gekaufte Ravensberger Spinnerei zu retten. Dank ihres Engagements und Sachverstandes konnte dieser für die Bielefelder Stadtentwicklung so bedeutsame Gebäudekomplex in das mittlerweile bundesweit beachtete Bürgerzentrum umgewandelt werden. Die Rettung der Ravensberger Spinnerei ist fern von romantischer Nostalgie ein nachahmenswertes Beispiel für phantasiereichen Umgang mit einem stadtbildprägenden Denkmal und für die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt“.

2. Interpretation

Die Rettung des Gebäudes samt Park der alten Ravensberger Spinnerei war eigentlich Lohn genug, aber bald wurde beides vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz erkannt und mit der „Silbernen Halbkugel“ ausgezeichnet.

Der Deutsche Preis für Denkmalschutz ist die höchste Auszeichnung Deutschlands auf dem Gebiet der Denkmalpflege. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz ist auf allen Ebenen der Gesellschaft aktiv, um ein großes Projekt zu fördern: die Bewahrung und Vermittlung des baulichen, künstlerischen, industriellen, gartenhistorischen und archäologischen Kulturerbes für die nächsten Generationen.

Damit war das Werk Raspi „geadelt“. Es war ein riskantes Spiel ohne Alternative gewesen, auch staatspolitisch, und es war keineswegs sicher, dass die gültigen Ratsbeschlüsse sich noch aufhalten ließen. Es gilt der Spruch: Hinterher ist man immer schlauer. Dabei hilft der Preis, der Bielefeld bis heute in den Schlagzeilen der Fachwelt hält.


Kontext: Die Rettungsgeschichte spielt auf zwei Ebenen: auf der Ebene der Planungshoheit der Kommune und der entscheidenden Ratsbeschlüsse, und auf der Ebene der Systemkritik und massiven politischen Einflussnahme und Einmischung der Bürger in einem Förderkreis.

Subtext: Legalität und Legitimität: Zwei Rechtfertigungsgründe für politisches Handeln. 

 1. Info

3./4.Juli 1987 im „Zentrum für Interdisziplinäre Forschung“ (ZIF) Universität Bielefeld

Interdisziplinäre Teilnehmerliste:

  •    Dr. Horst Annecke, Geschäftsführer Bankhaus Hermann Lampe
  •    Christoph Blume, Baudezernent
  •    Dr. Florian Böllhoff, Geschäftsführer Dürkoppwerke
  •    Dr. Heinz Bongards, Deutscher Bund für Vogelschutz
  •    Michael Bouteiller, Leiter Wasserschutzamt
  •    Dr. Axel Brandi, Rechtsanwalt und Notar
  •    Ehrenfried Brandts, Geschäftsführer Fa. Windel
  •    Hans-Gerhard Brinker, Geschäftsführer Deutsche Tecalemit
  •    PD Dr. Wolfram Elsner, Leiter Amt für Beschäftigungs- und Wirtschaftsförderung
  •    Prof. Dr. Peter Finke, Universität Bielefeld
  •    Dietmar Frey, Leiter Planungsamt
  •    Dr. Wolfgang Gaedt, Gechäftsführer Graphia Gundlach
  •    Dr. Uwe Lahl, Dezernent Umweltangelegenheiten
  •    Peter Obbelode, Architekt BDA
  •    Dr. Tilman Rhode-Jüchtern, Vorsitzender pro grün e.V.
  •    Franz-Josef Schafhausen, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, AG Umweltpolitik
  •    Regine Schürer, Geschäftsführerin pro grün e.V.
  •    Prof Dr. Roland Sossinka, Universität Bielefeld
  •    Dietmar Stratenwerth, Vorsitzender pro grün e.V. 

 1. Info

6./7.Nov. 1987 im Gästehaus Kupferhammer. Fortsetzung der Tagung I vom 3./4.Juli 1987

2. Interpretation

Pro Grün hat über einzelne Fälle hinaus daran gearbeitet, eine Identität als bürgerlicher Verein aufzubauen. Das geht nicht von allein, die Verdächtigungen, dass es sich hier nur um einen Ableger der Grünen Partei (In Bielefeld zunächst: Bunte Liste) standen manchmal quer im Raum. Der Begriff „Aktivist“ gilt einigen Parteitaktikern noch heute als Schimpfwort.

„Was heißt umweltverträglich wirtschaften?“, so lautete eine Seminarreihe von Pro Grün mit Führungskräften in Bielefeld. Dafür wurden zwei ganze Wochenenden investiert. Es wurden Übungen im Reduzieren von Komplexität gemacht, edel bewirtet im Gästehaus der Möllerwerke, Ortstermine in der Produktion absolviert und diskutiert, warum eine neue Lackieranlage für Mieles Staubsauger ein Problem sein sollte. „Es hat sich gelohnt“, sagte am Ende Dr. Axel Brandi. Und es entstand unter dem rollenden Rad die Zukunftswerkstatt Bielefeld, die sich später mit dem Großprojekt eines neuen Bahnhofsviertels befasste, im Auftrag des Stadtrats.


Kontext: Die aktive Gesellschaft wird getragen u.a. von Kräften aus der Wirtschaft. Die Opposition zwischen Ökonomie und Ökologie war zunächst ein simples, unfruchtbares Muster. „Realos“ aus dem Lager der Ökologie haben gleichwohl versucht, das konstruktiv zu machen. Siehe da: Alle Eingeladenen kamen zu zwei Wochenenden, im passenden Ambiente und Konzept. Die Tore waren damit ein wenig geöffnet, es hat geholfen.

Subtext: „Macht hoch die Tür, das Tor macht weit …“