pro grün 2010-2019
1. Info
Das Buch wiegt fast 5 kg, es hat 1074 Seiten, rund 140 Beiträge. Es erlaubt einen Blick über den Tellerrand auf die Vielzahl der Akteure. Es befasst sich mit der Stadtgeschichte, den Stadtteilen, der Industrie, dem Stadtbild, dem religiösen Leben und dem sozialen Engagement, der kommunalen Kultur, Erziehung und Bildung. Im Kapitel „Städtische Gesellschaft und bürgerliches Kulturbewusstsein“ befassen sich zwei Beiträge mit Pro Gün und der Zukunftswerkstatt (Rhode-Jüchtern) und mit dem Verein Pro Lutter (Enderle).
Es ist dies eine der seltenen Gelegenheiten, die Vereine und Initiativen im großen Quer- und Längsschnitt vorzustellen und aus der Tagesaktualität herauszuheben, sie damit letztlich vor dem Vergessen zu bewahren. Sehr vieles von dem, was pro grün getan hat, verblasst und „versendet“ sich mit der Zeit und mit den agierenden Personen. So wird manches Rad immer wieder neu erfunden. Oder nicht einmal das: Während diese Chronik geschrieben wird (2025), sind die Aktionen zur „Lust auf Lutter“ bereits 10 Jahre alt (2015), geschehen ist seitens der Politik oder Verwaltung aber weiter nichts.
Vielleicht hilft die folgende Karikatur, das Phänomen zu charakterisieren: Da steht ein Karton voll mit Hühnern, dann schlägt man drauf auf den Karton und sie flattern alle hoch, und dann setzen sie sich wieder hin …
2. Interpretation
Prof. Andreas Beaugrand, also eine einzelne Person, hat zum zweiten Mal ein großvolumiges Stadtbuch über Bielefeld herausgegeben. Wie er das schafft, konzipiert, koordiniert, finanziert, ist von außen betrachtet ein Geheimnis und ein großer Gewinn. Die gesamte „Zivilgesellschaft“ ist vertreten; und „gesamt“ ist dabei dieses Werk noch lange nicht. Und das ist das zweite Geheimnis: Wie groß und vielfältig ist diese Stadtgesellschaft? Auch die Beiträge von Pro Grün, Zukunftswerkstatt, Pro Lutter sind von einzelnen initiiert. Eine lebendige Szenerie und Dynamik.
Kontext: 800 Jahre Stadtjubiläum, Gelegenheit zur Selbstdarstellung in vielen Facetten.
Subtext: Im Blick von oben oder in der Ameisenperspektive – Worüber sprechen wir gerade?
1. Info
Die Platanenallee war 2012-2014 bedroht durch die Sanierung des maroden Lutterkanals unter der Ravensberger Straße. Bei einer Sanierung in offener Bauweise hätten die meisten Platanen gefällt werden müssen. Ein Gutachterbüro hatte im Rat dafür plädiert, die Bäume zu entfernen und damit die Fläche als „verfügbar“ zu behandeln. Nach zahlreichen Protesten beschloss der Stadtrat stattdessen eine Sanierung innerhalb des geschlossenen Kanals (sog. Inliner-Verfahren). Dabei verringert sich aber der Durchmesser des Kanals; er würde also bei Unwettern nicht mehr so viel Wasser fassen wie bisher; es drohte vielleicht Überschwemmungsgefahr. Deshalb baute man zugleich zwei zusätzliche Regenrückhaltebecken, eines an der Teutoburger Straße und eines unter dem Park der Menschenrechte; sehr teuer, aber mit Mehrwert durch Vorsorgel
Pro Grün wirkte bei den Protesten und der Rettung durch Organisation des Protestes v.a. durch Unterschriftensammlungen und Vertretung in den Medien mit. Inhaltlich war es v.a. der von Pro Grün ausgegründete Verein Pro Lutter e.V., der die Platanen nachhaltig im planerischen und politischen Zusammenhang mit der Offenlegung der Lutter hielt.
(www.pro-lutter.de und www.bielefelder-baeume.de)
2. Interpretation
Der Konflikt Kanalsanierung vs. Platanenallee war ein Klassiker in Sachen Flächennutzungskonkurrenz; er war wie aus der Zeit gefallen. Ein vermeintlicher Sachzwang trat an die Stelle einer problem- und lösungsorientierten Abwägung. Die Tiefbauprotagonisten hatten aber nicht mit der massiven Parteinahme der Öffentlichkeit gerechnet. Aber auch das will organisiert werden. Die anliegenden Schulen, die Presse, Spaziergänger, ein ehemaliger Oberbürgermeister, Unterschriftenaktionen waren am Ende wirkmächtiger als die altertümliche Behauptung „Da gibt es keine Alternative!“. Aber ein Lernerfolg ist das noch lange nicht, sondern ein Machtkampf im old-school-Format. Die Regeln dafür sind bei Pro-Grün seit 50 Jahren bekannt.
Kontext: Mobilsierung und Emotionalisierung sind erprobte Instrumente gegen Fehlentwicklungen. Alternativen gibt es immer, sie müssen aber nachgefragt werden.
Subtext: Nachfragen bei Experten, nicht aufgeben, höflich bleiben.
1. Info
„Zwölf Kilometer langes, meist unterirdisches Fließgewässer wird zu einer Marke und zur Wanderstrecke.“ (WB 15.3.2014)
Das Projekt „Lutterstadt Bielefeld“ zeigt auf interaktiven Tafeln entlang eines zweistündigen Spazierwegs den Bach, gibt Informationen und zeigt Streitpunkte auf (das Wortspiel mit dem doppelten tt in der „Lutterstadt Bielefeld“ ist beabsichtigt, vgl. „Lutherstadt Wittenberg“). pro grün errichtet mit Hilfe von zwei Absolventen der FH acht Stelen zum 800-Jahre- Stadtjubiläum. Öffentliche Erwanderung zwischen der Kunsthalle bis zum Stauteich 3. (Der Lutterpfad: Wo die Stadt fließt. NW 23.8.2014)
2. Interpretation
Zum Stadtjubiläum der Stadt 2014 hat sich Pro Grün beteiligt mit einer Perlenkette von acht Stelen von der Kunsthalle bis zum Stauteich 3. Die Stelen wurden konzipiert und schließlich gebaut als Abschlussarbeiten an der FH-Abt. Gestaltung, gesponsort von der Firma Rosenberger-Media. Das ist Arbeit und Geldbedarf genug (10.000 €). Dass das alles privat zu installieren ist, von der Abstimmung mit dem Umweltamt bis zur Betonmischmaschine, soll hier wenigstens erwähnt werden. Die ganz besondere Herausforderung ist aber die laufende Unterhaltung und Pflege. Zweimal im Jahr geht der Verein mit Lösungsmittel und Spachtel an die Arbeit und hält die Stelen einigermaßen ansehnlich. Natürlich ist dabei immer ein Gesprächsthema, wer warum Vergnügen daran hat, die Stelen zu beschmieren und zu bekleben. Hier greift die *broken-windows-*Theorie, wonach ein kaputtes Fenster sofort repariert werden muss, weil sonst in Kürze alle Fenster zerstört sein werden. Eine kleine Genugtuung sind dabei die Spaziergänger, die die Pflege-Aktionen wenigstens sehen und kommentieren: „Schön, dass Sie das machen“.
Kontext: Öffentlicher Raum muss gepflegt werden. Störungen sind sofort zu beseitigen.
Subtext: Schaut nicht unter den Tisch! Darunter ist es fürchterlich.
1. Info
„Das Grüne Gewissen Bielefelds. Verein Pro Grün engagiert sich seit 40 Jahren, um das Stadtbild zu verbessern und Missstände zu verhindern“.
Auf einer großen Doppelseite in der NW (17.6.2015) stellt Joachim Uthmann jeweils ein Exempel vor zur Rubrik „Gerettet“ (Baudenkmäler und Baumallee), „Gescheitert“ (Alternative Vorschlänge zu Großprojekten und das Ende mancher Vision: City-Alm, Richmondkaserne, Plan B) „Angestoßen“ (Grüner Stadtring und offene Lutter), „Ausgebremst“ (Flughafen, Brücken/ Rütlistraße, Straßenprojekte) „Korrigiert“ (Hochhaus am Adenauerplatz).
2. Interpretation
Die Presse gilt/ galt (bis zur jüngeren digitalen Präsenz in den sog. Sozialen Medien) als die Vierte Gewalt im Staate. Sie wird auch von den anderen drei Gewalten (im kommunalen Rahmen sind dies der Rat, die Verwaltung, die Kommunalaufsicht und Gerichte) ernst genommen.
Deren Akteure bestätigen, dass morgens im Rathaus als erstes die lokale Presse incl. Leserbriefe studiert wird. Man kann darüber streiten, ob die Presse neutral, „objektiv“ , überparteilich sein sollte, sein kann, sein muss. Jedenfalls darf man den Redaktionen nicht lästig fallen; man muss vielmehr „etwas zu sagen haben“. Insofern geht Pro Grün äußerst sparsam mit Presserklärungen oder Pressegesprächen um. Dann kann bei Bedarf, wie z.B. im Projekt Leerstandskataster (2023), mit strategisch wirksamem Wohlwollen gerechnet werden.
Kontext: Die Pressearbeit von Pro Grün ist gewollt sehr zurückhaltend. Damit kann der Verein – vor allem in der Nachwirkung und Imagebildung – besser durchdringen als der Verein es in einer „Kampfpresse“ könnte.
Subtext: Lest nicht nur in der Leserbriefspalte, legt Euch eine Pressemappe an.
1. Info
Die Lutter ist seit Jahrzehnten im Fluss, Wehre in den drei Stauteichen geben der Lutter eine abwechslungsreiche Struktur. Aber sie wird meist gar nicht gesehen, also ist sie – subjektiv - so gut wie nicht vorhanden. Deshalb machte Pro Grün mit inspirierenden Events darauf aufmerksam, z.B. mit einer „Blauen Stunde“ am rauschenden Wehr im Stauteich 2. „son et lumiere“ („Musik und Licht“) . (WB 8.8.2015).
Am Samstag, 8. August 2015 von 21.00 bis 22.00 Uhr gab es etwas zu sehen, was viele, auch Anlieger, so noch nie gesehen hatten. Und zu hören, was viele so noch nie gehört hatten: Mishela Steiner spielte auf ihrem Akkordeon, akustisch, also nicht elektrisch verstärkt. Und es gab ein Gläschen Wein, gratis, wie ihn hier zuvor noch kaum jemand getrunken hatte. Fast ein Gesamtkunstwerk, vom Wasser gesegnet, mitten in Bielefeld.
Allerdings gab es auch Kritik: Das blaue Scheinwerferlicht habe sicher auch viele nachtaktive Insekten überrascht, „Lichtverschmutzung“ kann man das nennen, vermeidbar. Ob die Insekten es überstanden haben, das blaue Licht im (beleuchteten) städtischen Park? Darüber kann man durchaus sinnvoll streiten. (Das erinnert ein wenig an die Presseschelte darüber, dass Pro Grün den Ravensberger Park aufräumen wollte („Pro Grün ruft die Bürger auf, den Spinnereipark zu bauen.“ ( NW 3.6.1977), dies aber im Mai, also mitten in der Brutzeit getan habe: „Rotkehlchen und Zaunkönige sind jetzt sauer auf pro grün“. NW 13.6.1977. Wertung durch den Naturwissenschaftlichen Verein/ Klaus Conrads: „Elan ein wenig zügeln“ (NW 16.6.1977)
2. Interpretation
Die „Blaue Stunde“ war Teil der Pro Grün-Tradition, dann und wann kleine Feste zum Wohlfühlen in dieser Stadt zu organisieren. Teil der Tradition ist aber auch, solche Veranstaltungen zu reflektieren. Im vorliegenden Fall wurde der Mitarbeiter des Umweltamtes erwähnt, der fand, dass das künstliche Licht am dunklen Gewässer möglicherweise störend für Insekten, also auch für das Ökosystem sein könnte oder sicher auch sei. Man sollte also sehr kritisch damit umgehen.
Das muss ja nicht nur destruktiv sein; manche Regionen / Orte bemühen sich darum, „Lichtverschmutzung“ auch für die Menschen zu vermeiden. Sie gründen „Sterneparks“ für sanften Tourismus. Weltweit gibt es rund 200 Parks, zertifiziert und organisiert von der Organisation DarkSky (vormals International Dark Sky Association, IDA). Vielleicht ist es eine gute Idee, einmal eine „Dunkle Stunde“ zu veranstalten, mit passender Musik. Oder auch nicht einmal das. Wer vielleicht schon einmal in der Sahara war, kennt das: Dark Sky wird zum „Sternenpark“, in der Stille hört man das eigene Blut rauschen. Das kann man gut zum Thema machen.
Kontext: Es gibt einen Trend zur Eventisierung und Bespaßung der Bürger, und es gibt dafür erkennbar einen großen Bedarf. Musik im Park ist so ein Format, Straßentheater ein weiteres. Das Format der Pro-Grün-Events lebt von der Idee, die Stadt anzueignen und zu bespielen ohne großen Aufwand, fast zum Nulltarif und nur für kurze Zeit.
Subtext: Die Stadt gehört Euch, wie eine Allmende. Nehmen müsst Ihr sie selber. Aber macht nichts kaputt und nervt niemanden.
(Die Allmende ist ein Teil des Gemeindevermögens, das als gemeinschaftliches Eigentum von der gesamten Bevölkerung benutzt werden darf.)
1. Info
„Aktionstag mit Pro Grün am Stauteich bewirbt den Freizeitwert der Grünanlagen im Bielefelder Osten“. (WB 2.3.2015)
Ein zweites Event an der Lutter und den Stauteichen im Jahre 2015 : Kanufahren in einer Landschaft im Dornröschenschlaf. Freigeschnittene Uferteile geben plötzlich Sichtachsen auf das Wasser frei. Wasser ist ja da. Aufbruchstimmung. 5 Kanus von einem Blomberger Tourenguide sind ständig ausgebucht, die DLRG ist vor Ort, Glühwein von einer alten Opel-Blitz-Feuerwehr, der Verkehrsverein ist gekommen und steht der Idee wohlwollend gegenüber. „Über Johannisbach und Werra bis zur Nordsee, ab der Milser Mühle ist der Bach paddelbar. Das müsste gehen.“; davor kommen noch die Stauteiche 2 und 3 bis zum Hof Meier zu Heepen. Ein kleines Paradies.
Alles gut? Man kann daraus auch einen Streitfall machen, wie vor Jahren den Vorschlag des Vorsitzenden des Landschaftsbeirates, den Obersee („Seekrug und Freizeitgelände“) für begrenztes Bootfahren freizugeben, um damit einen „Untersee“ zu verhindern.
2. Interpretation
Ein weiteres Fest nach der „Blauen Stunde“: Eine große Paddelei. Zum Pro Grün-Konzept gehört es, dass mit der vorhandenen Infrastruktur gerechnet wird. Kommen und Paddeln muss man aber selber. Eine große Veranstaltung, ein großes Erstaunen der Menschen, dass im Prinzip alles schon da ist („So habe ich das noch nie gesehen“). Das einzig Schwierige: Die behördliche Genehmigung (und Toiletten und DLRG). Die Inspiration vor Ort und danach ist dann wieder gratis.
Kontext: Die große Wassersehnsucht wird zwar immer wieder beschworen, aber genutzt wird die vorhandene Ressource „Stauteiche“ nicht. Dass es sie gibt und dass sie nutzbar ist, hat die Paddelei gezeigt. Aber eine Initiative nach der Initiative wird seitens der Politik und Verwaltung nicht verfolgt.
Subtext: Schlagt nach im Stichwort „Allmende“.
Die Lutter gewinnt durch ihre teilweise Freilegung zwischen Kunsthalle und Stauteich 3 an Wert, der Grünzug ist vorhanden und also „umsonst“ zu haben. Der Weg wird viel genutzt, ist aber nicht im allgemeinen Bewusstsein der Bielefelder Bürgerschaft. Wenn man aber nur wartet, kann man lange warten. Deshalb hat sich pro grün zusammengetan mit Projekt-Partnern: Dr. Wolfgang Böllhoff, Dr. Bernhard von Schubert und Volker Crayen. Mit relativ geringen Mitteln (30.000 €) wurde professionell eine Holz-Terrasse errichtet, die sich einiger Beliebtheit erfreut und die bislang nicht beschädigt worden ist, ein gutes Zeichen im öffentlichen Raum.
(WB 25.8.2016, „Auf einen Kaffee an den Stauteich – Neue Terrasse im Lutterpark soll das grüne Erholungsband weiter beleben; NW 26.8.2016: Café-Terrasse an der Lutter eröffnet – Sponsoren schenken der Stadt eine Aussichtsterrasse am Stauteich 3 mit Blick auf Wasser und viel Grün. Das ‚Café am Lutterpark‘ übernimmt die Gastronomie)
Die Terrasse kann zu einem Impuls für eine weitere Entwicklung in Richtung Heepen werden. Aber es müssten sich nun die Politik und Verwaltung kümmern, das Vorbild ist vorhanden.
Für eine rücksichtsvolle Nutzung des Landschafts- und Lebensraums in Bielefeld- Dornberg und -Babenhausen
(siehe auch: 2020 Wahl im September: Flächennutzung. Grundsätze des Naturschutzes im Dialog)
„Unsere Initiative („Bielefeld natürlich“. (www.bielefeld-natuerlich.de ) setzt sich seit mehreren Jahren dafür ein, dass der Landschaftsraum in den westlichen Bielefelder Stadtteilen nicht weiter bebaut wird wie in der Vergangenheit. Nicht zuletzt die Erderhitzung verlangt nach Veränderungen im Umgang mit den Natur- und Kulturlandschaften. Es geht dabei u. a. darum, der Klimaerwärmung sowohl entgegenzuwirken als auch Sorge dafür zu tragen, dass wir uns vor Ort vor den Folgen der klimatischen Veränderungen schützen. Der Schutz des Bodens und offener Landschaften durch Nichtbebauung sind dabei unabdingbar. Daher fordern wir bei Siedlungs- und Verkehrsplanungen in unseren Stadtteilen eine deutlich stärkere Berücksichtigung der klimaschützenden und ökologischen Aspekte.
Aus dieser Motivation heraus wenden wir uns gegen eine Erweiterung der Universitätsbebauung zulasten landwirtschaftlicher Flächen und gegen ihre Erschließung mit einer zu teuren Stadtbahnstrecke sowie gegen die Idee eines neuen Stadtteils auf diesen Flächen. Wir haben Alternativvorschläge gemacht, die dennoch die Bedarfe nach Raumerweiterung für die Universität und deren Erreichbarkeit ohne Autoverkehr erfüllen. Dabei sind wir mal weniger, mal mehr erfolgreich gewesen.
Wir werden die Verwaltung und Politik diesbezüglich weiter begleiten und nicht aufhören, verantwortungsvolle Entscheidungen und neue kreative Lösungen einzufordern, die es braucht, damit unsere Stadt in der Erwartung künftiger Hitzewellen einerseits und Überschwemmungen andererseits weiterhin lebenswert bleibt. Die Möglichkeit eines "Weiter-wie-früher" gibt es nicht.
Die Arbeit von pro grün verläuft einerseits kontinuierlich mit den Erfahrungen aus 50 Jahren. Andererseits ist es öfters nötig, aus dem Stand heraus kampagnenfähig zu sein; das wird durch Ausgründungen erreicht, in denen begrenzt auf Zeit und auf ein Thema eine Gruppe von Akteuren auftritt.
Bielefeld ´21 – „Wir reden vorher“. Gesellschaft und Stadt leben von Kommunikation. Sonst steht das Pferd quer im Stall.
1. Info
Im Rahmen eines Projektes „Klima-Netze“ der RWTH Aachen hat sich 2018/9 eine Arbeitsgruppe in Bielefeld mit einem Reallabor „Verkehrs-Räume umverteilen“ beworben. Die Arbeitsgruppe bestand aus ca. einem Dutzend Personen, zum größeren Teil aus der Stadtverwaltung, aber auch aus der Bürgerschaft, u.a. Pro Grün. Es entstanden teilweise begeisterte und begeisternde Konzepte, gekrönt von einem Projekttag zur Simulation des Konzeptes. Aber dem sollte zugleich eine gewisse projektüberschreitende Philosophie zugrundliegen, die im günstigen Fall als Leittext für den Diskurs zur Stadtkultur dienen könne. Diese wurde von pro grün erarbeitet und wird hier als Leittext dokumentiert.
Die Vernetzung der Projektteilnehmer und das Projekt in der Sache waren gleichermaßen befruchtend und wurden identitätsstiftend wirksam.
(Dass dann nichts weiter passiert, gehört zur Rückseite derartiger Bemühungen in der Kommune.)
Brief zum Projekt „Wilhelmstraße“ (10.3.2019)
Liebe Frau Winter, lieber Herr Knabenreich,
Sie sind zwei starke Anker des Projekts Wilhelmstraße, persönlich, politisch, räumlich. Sie haben die Aktionen und Akteure vielfältig unterstützt. Jetzt laufen die Auswertungen des Reallabors im Rahmen der „Klima-Netze“ und der Erforschung des Prozesses seitens der TH Aachen. In Kürze wird die letzte parlamentarische Hürde im Rathaus genommen – hoffentlich, denn wie immer gibt es selbst hier grundsätzliche Kritiker (hier derzeit: „Wir haben dafür keine Kapazitäten“). Die Aktionen „Die Wilhelm verbindet“ wurden stets konstruktiv von der Presse vorgestellt und kommentiert. Sie sind auch absolut im Sinne der laufenden Stadtentwicklungsdebatten. Die Rede ist hier vom niedrigschwelligen Zugang zu „Möglichkeitsräumen“, vom Mutmachen auch für die Politik, von „Raumketten“ vom Raum des Individuums über die Räume der Wohnung und des Hauses bis hinein in Straße und Platzraum und die Räumlichkeit des Quartiers (ganz aktuell z.B. die BDA-Zeitschrift „der architekt“ 1/2019).
Im Fall Wilhelmstraße gibt es zudem nur geringe Planungsarbeiten und step-for-step-Finanzierungen, stets mit der Möglichkeit der Reparatur und Rückholung („Pinsellösungen“). In der Anlage finden Sie zur Erinnerung ein paar Texttafeln, die die Philosophie des Projekts allgemein und für das Lesen auf der Straße aufbereiten (gibt’s auch digital). Die ganz bunten Bilder vom Aktionstag („Wir könnten das eigentlich gleich so lassen!“) haben Sie sicher in der Presse gesehen. Mit besten Grüßen
11 Tafeln zum Projekt „Verkehrsräume umverteilen“
(1) … Bewegung und Ruhe
Hier, direkt am Jahnplatz, ist ein Ort himmlischer Ruhe: Der „Alte Friedhof“. Zwar ist er eingezäunt, aber tagsüber kann man hinein, unter uralten Bäumen sitzen und sinnieren. Man kann ihn leicht finden, hineingehen muss man aber selbst.
Hier, auch direkt am Jahnplatz, ist ein Ort der Bewegung: Das „Haus der Technik“ und das Haus von MoBiel: Jahnplatz 5. Hier kann man einfach hinein und sich beraten lassen, zu Fragen der häuslichen Technik und Mobilität, zum nachhaltigen Leben.
(2) ... Arbeiten und Wohnen
Hier, mitten in der City, wird viel gearbeitet, in Büros, in Geschäften, auch auf dem Weg zum Arbeitsplatz und in Gedanken. Sehen tut man davon wenig, ein paar Schilder, Schaufenster, Mittagspausen.
Hier wird aber auch, wie in alten Zeiten, gewohnt. Allerdings meist mit wenig Grün, wenig Balkons, wenig Ausblick, dafür viel Stein und Fassaden.
Kann man nichts machen, ist ja „Stadt“. Oder?
(3) ... Privater und öffentlicher Raum
Privat ist: Türen zu, Ruhe, Selbstbestimmung.
Öffentlich ist: Konkurrenz, die Anderen, Tempo. Oder?
Privat ist auch: eng, dicht, teuer.
Öffentlich ist auch: für alle, vielfältig, gratis.
Schön, wenn man beides hat: Ruhe und Abwechslung, Rückzug und Gemeinschaftlichkeit.
(4) … Flanieren und Konsumieren
Eine Einkaufsstraße ist zum Einkaufen da. Aber auch zum Gucken („window shopping“).
Sie soll Appetit machen, aber anders als im Internet. Im Internet kann man keinen Kaffee trinken und nicht mit Fachleuten sprechen und kein Kleid anprobieren oder Fahrrad testen; da kann man nur klicken und auf DHL & Co warten. Also: Verlassen wir die Wohnung oder das Auto und fühlen die Stadt, auch ihre Geräusche und Gerüche.
Viel Freude beim Flanieren, analog statt digital!
(5) … Alt und Jung
Jugend will unter sich sein. Skaten, Chillen, Guckstu. Ältere wollen auch unter sich sein. Sitzen, kein Kindergeschrei, auch Gucken.
Oder?
Nur Rumstehen oder nur Rentnerbank kann es auch nicht sein. Sich mischen, ohne sich zu stören, Gucken, ohne zu zensieren. „Friedliche Koexistenz“ hieß das früher in der Politik.
(6) … Kulturen
Straße ist ein Raum für alle, im Prinzip, mit verschiedenen Zwecken. Sitten und Gebräuche gehören dazu, wie die lippische Kehrwoche zu Westfalen. Die Zwecke werden festgelegt. Wenn hier Autos fahren, kann hier keine Liegewiese sein.
Oder?
Die große Stadt Paris sagt: Im Sommer machen wir die Hauptstraße am rechten Seine-Ufer zum Strand, mit 5000 Tonnen Sand aus der Normandie. „Auf dem Pflaster liegt der Strand“ – – der Anarchospruch wird einfach umgedreht („auf“ statt „unter“) und alle sind glücklich. Allerdings: Wir sind hier nicht in Paris.
Obwohl…
(7) … Tag und Nacht
Tag ist nicht Nacht, hell ist nicht dunkel, dunkle Gestalten sind keine Lichtgestalten, Frauen sind keine Männer. Aber das heißt nicht, dass Stadt und Straßen nachts automatisch gefährlich sind.
Eher ist das so ein Gefühl … Straßen sind sicher, wenn es soziale Aufmerksamkeit und keine finsteren Ecken gibt. Dagegen können Bewegungslichter helfen. Vielleicht ist es auch richtig, wenn der Alte Friedhof nachts abgeschlossen wird; viele Städte machen das so.
(8) … Plätze
Die Wilhelm- verbindet einen Nicht-Ort (Jahnplatz) mit einem Platz auf der Suche nach sich selbst (Kesselbrink). Die Wilhelm- kann zu einem Such-Raum werden, an dem man nach Plätzen und Urbanität Ausschau hält. Wo lohnt es sich, langsamer zu gehen und zu gucken?
Es sind oft Kleinigkeiten, die einen Ort zu einem urbanen Platz machen oder die ihn verkümmern lassen. Was genau kann das sein? Gibt es dafür ein Konzept? Stadtverhübschung?
Zunächst braucht man überhaupt eine Gelegenheit im Raum, die zum Platz werden könnte.
(9) … Gegenwart und Zukunft
Der Kesselbrink war mal ein Stadt-Platz, zum Exerzieren oder für Märkte oder einen Zirkus. Dann Busparkplatz und Tiefgarage. Dann Tristesse. Dann ein Wettbewerb und viel öffentliches Geld. Er stand jedenfalls im Fokus. Es durfte alles Mögliche gedacht werden. Die Wilhelm- lag im Schatten zwischen Altstadt und dem heutigen Ravensberger Park; es gab aber gute Geschäfte, Bibliothek und Passagen. Die Straße stand immer auf der Kippe.
Jetzt stehen die Türen offen, hier etwas Lebendiges zu schaffen, auch jenseits von Rendite und Investoren. Ein Fenster der Gelegenheit.
(10) … Stadt und Wissenschaft
Bielefeld hat eine gute Universität und andere Hochschulen. Aber die Stadt tat sich lange Zeit schwer damit. Der Campus des Voltmannshofes lag vor den Toren, man musste sich nicht weiter kümmern. Das ist nun anders.
Und ein schöner 50er Jahre-Bau stand bis 2024 leer: die alte Stadtbibliothek an der Wilhelm- Damit müsste sich etwas machen lassen. Aber was genau, außer Offene Wissenschaft, „Geniale“ und Kinder-Uni?
Nicht nur eine Gelegenheit, sondern eine Herausforderung, auch an die Stadtgesellschaft.
(11) … Ideen und Umsetzung
Es gibt keine Millionen €uro wie am Kesselbrink, aber es gibt viele Ideen und Akteure, auch solche mit Geld und Eigentum. Muss man – wenn schon, denn schon – ganz große Lösungen finden und diese festpflastern? Oder braucht man neue Leitbilder im Bestand?
Was würde fehlen, wenn die PKW-Stellplätze eingezogen werden und man in der Tiefgarage (100 m weiter) parkt? Oder gleich mit der Stadtbahn kommt oder dem Rad? Und was würde man gewinnen, wenn man einzelne der alten Parkbuchten als urbane Ideen-Inseln erprobt? Oder muss man sich weiterhin mit Tabus befassen, während andernorts die Verkehrswende längst beschlossen ist?
Die Stadt Bielefeld und ihre Gesellschaft muss oftmals zum Jagen getragen werden, Anstöße kommen von außen. Aber es gibt Ausnahmen, wie beim teilweisen Abriss der alten Fachhochschule; das ehem. Laborgebäude hat die Stadt vom BLB (Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes) gemietet und an das „Kulturhaus Ostblock“ weitervermietet (Ateliers für 100 Künstler, Fotografen, Tänzerinnen, Theaterleute und Performer, Maler, Graffiti-Künstler, Musiker und Autoren). Die BLB will Eigentümer des zentrumsnahen Grundstücks bleiben. „Es könnte für landesseitige Projektentwicklungen genutzt werden“. Das Bauamt weiß von nichts, wie der frühere Hochschulstandort künftig genutzt werden könnte. Der BLB hat „bislang keine beurteilungsfähigen Nutzungsperspektiven für den früheren FH-Standort vorgelegt“ (NW2.5.2025).
Eine triste Planungspraxis. (siehe auch: 2000 „Grüne Insel Alte Richmond-Kaserne“)
Reallabore sind ein neues Format gegen Planungsstillstand und –tristesse. Es gibt aber neben dem „Anschieben“ auch das Erfordernis der Pflege und Fortentwicklung, im Volksmund heißt das manchmal „Kümmerer“.
2. Interpretation
Im Reallabor werden tatsächliche, „reale“ Aufgabenstellungen und ein gezieltes Personal aus der aktiven Gesellschaft („active society“) zusammengebracht. Die Auswahlsituation wurde durch einen Wettbewerb der Ideen gestaltet, das trug zur Identifikation aus dem Stand bei. Alle Beteiligten fühlen sich befreit, fast beglückt, organisatorisch und inhaltlich. Wie in einem Labor wurde am Ende ein Ergebnis präsentiert, so, wie es kein einzelnes Mitglied hätte tun können. z.B. wurde die Wilhelmstraße im Konzept begrünt, und man konnte am frühen Morgen eine Reihe von Bäumen über den Jahnplatz wandern sehen, sie standen in Reih und Glied auf einem Lastwagen der Firma Kowert; ein teurer Spaß, aber mit dem Ergebnis, dass innerhalb von Minuten die Wilhelmstraße tatsächlich begrünt war. „Das könnte direkt so bleiben! Zugleich machte die Aufstellung von 11 Tafeln zur Stadtentwicklung, hier: Umverteilung von Verkehrsräumen, aus dem Spaß eine lehrreiche Interpretation.
Kontext: Das fachliche Leitbild lautet: Verkehrswende“ oder eher maßnahmenbezogen „Umverteilen“. Die völlige Durchmischung der Akteure des Labors macht innerhalb von Minuten eine Fülle von Ideen locker. Leitbild: „Befreites Denken“.
Subtext: Einfach mal machen. Manier: Pinsellösung.