pro grün 2000-2009

(zus. mit der Fördergesellschaft der Fachhochschule Bielefeld e.V.)

1. Info

In gründlichen Vorgesprächen von Pro Grün mit dem damaligen Rektor der FH Prof. Heinrich Ostholt und der Fördergesellschaft der FH erschien die denkmalgeschützte alte Richmond-Kaserne als idealer Standort für die FH im Campus-Format. Der „Fünfte Kanton“ der Stadt wäre aufgewertet worden, die Immobilie hätte mit der FH eine würdige Nachnutzung bekommen, die damals zerstreuten Liegenschaften der FH (im Besitz des Landes) wären als üppige Flächen-Reserve zur Disposition gestellt worden.

Ein Wechsel im Rektorat führte dann aber dazu, dass das Image der FH als Nachbarin der Universität (Erweiterungsfläche „Lange Lage“) als absolut entscheidendes Kriterium gesetzt wurde. Auch die Prüfung vorhandener Reserven im Uni-Stammgelände (abgängige Parkhäuser) wurde aktiv unterdrückt. Heute steht die FH (umbenannt in „Hochschule Bielefeld“) in gehöriger Entfernung zur Universität auf der grünen Wiese, sie ist immerhin fußläufig an die Stadtbahn Haltestelle Wellensiek angebunden.

Heute ist das Areal um die Richmond-Kaserne herum mit Wohn- und Bürogebäuden längst zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt in Bielefeld geworden. Dies ist das Verdienst der rührigen Projektentwickler Borchard+Dietrich. Das Kasernengebäude selbst steht noch immer fast ungenutzt herum. „Der Ausschuss nimmt Kenntnis.“

„Die Ratsfraktion der CDU fragt 2014 nach der Planung von Nutzungsänderungen für die Richmond-Kaserne Beratungsgrundlage: Drucksachennummer: 5684/2009-2014 Anfrage der CDU-Fraktion vom 25.04.2013:

Ist für die Richmond-Kaserne, Am Stadtholz 24, eine Nutzungsänderung vorgesehen? Wenn ja, welche?

Herr Moss antwortet, dass natürlich bekannt sei, dass nach dem Umzug der FH das Gebäude einer neuen Nutzung zugeführt wird. Man sei mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW im Gespräch, wie zukünftig die Nutzung für diese Gebäude aussehen soll. Über Ergebnisse werde er hier im Ausschuss berichten. Der Ausschuss nimmt Kenntnis.“

Drei Jahre später, 2017, schreibt Sebastian Kaiser in der NW (2017): „Stadt Bielefeld hat noch keine Ideen für die ehemaligen britischen Kasernen. Der Rat hat jetzt Voruntersuchungen beschlossen“. Aha.

2. Interpretation

„Konversion“ ist ein großes Thema, weil sie viel Geld kostet und weil es ein Konzept im großen Karo braucht. Am Ende kommt oft so etwas heraus wie eine Polizeikaserne oder eine Ruine mit irgendeiner Flüchtlingsverwaltung oder sonstige Zwischennutzung, sachlich gesehen jedenfalls eine Verlegenheitslösung. Es sei denn, es passt etwas ideal zusammen, wie z.B. die Richmond-Kaserne als Campus einer neuen Fachhochschule. Dann sucht man Partner verschiedener Kompetenzen, idealerweise gleich den Rektor und seinen Förderverein . Wenn der dann noch zustimmt und selbst zum Treiber wird, hat man schon gewonnen. Es sei denn, der personale Faden reißt und eine andere Person macht nicht mehr mit, wie in unserem Fall die neue Rektorin. Dann kämpft man an mehreren Fronten, im Bestand und an alternativen Standorten. Man merkt dann schnell, dass es nicht mehr um die Suche nach der besten Lösung geht, sondern nur noch ums Gewinnen einer einzigen Priorität. Heute, 25 Jahre nach der Präsentation der Lösung „Grüne Insel“ weiß die Stadt noch immer nicht, was an diesem Standort alles möglich ist oder war.

Ein anderes Gebäude der alten FH wurde 2025 abgerissen, der Eigentümer, das Land NRW, wartet nun auf irgendeine Flächennutzung („landesseitige Projektentwicklungen“). Mitten in der Stadt. Studentische workshops umkreisen die Aufgabe als Übung. Da werden aus ursprünglichen Ideen nur noch Windmühlenflügel.


Kontext: Eigentumsrechtlich bleibt der Konversionsgegenstand der Kommune/ dem Land/ dem Bund erhalten. Bis hin zur jeweiligen Untätigkeit im Konjunktiv.

Subtext: Mitten in der Stadt – wem gehört was?

Veranstaltung am 21. Juni 2001 in der Kunsthalle Bielefeld.

(zus. mit Verkehrsverein Bielefeld und Bielefelder Konsens pro Bielefeld e.V.)

siehe auch https://pro-lutter.de

1. Info

Die Lutter ist eine weitere Spielwiese für kreative Ideen. Es gab eine Notlage wegen befürchteter Starkregenereignisse mit Überschwemmungen von der Kunsthalle bis nach Heepen. Die Lutter selbst floss seit hundert Jahren fast nur unterirdisch, eine vorbeugende Lösung konnte man sich auch nur unterirdisch vorstellen, d.h. in Form großer Rückhaltebecken. Der ehemalige Umweltdezernent Martin Enderle machte sich auf eine lange Reise zwischen Politik, blauer Planung, Suche nach Sponsoren. Ein kleines Teilstück vor dem Gymnasium am Waldhof wurde – nach Jahren - freigelegt und begeistert angenommen, trotz vorhergegangener Kassandrareden missgestimmter Menschen (ertrunkene Kinder, Ratten & Co).

Der kleine ausgegründete Verein Pro Lutter e.V. kämpfte unermüdlich weiter, u.a. zum Erhalt der Platanenallee und für eine Kanalsanierung, die eine oberirdische Fließwasserstrecke bis zu den Stauteichen enthielt.

2. Interpretation

Eine lange Geschichte des permanenten Scheiterns und des prekären Kampfes mit Sachzwängen und halbherzigen Gegenübern. Auch das Geld für den städtischen Eigenanteil für eine Bezuschussung musste beschafft werden, die Stadt („die“ Politik) selbst hatte mehrfach betont, dass sie dafür keinen Euro beisteuern könne/wolle.

Auch die Geldgeber (Stiftungen, Umweltbundesamt) mussten bei Laune gehalten werden, weil sie die Gelder nicht jahrelang zurückhalten konnten, nur weil z.B. die Stadtwerke Bielefeld mit ihrem Projekt Kanalsanierung nicht hinterherkamen.

Inzwischen ist ein weiteres Teilstück in Betrieb, es wird „ein Sommermärchen“ genannt. Es fehlen die Worte, die Rolle und Verdienste einer einzelnen Person und weniger Partner angemessen zu beschreiben. Eine Möglichkeit wäre die Rekonstruktion und die bereits geleistete Arbeit gedanklich zurückzudrehen: „Wie sähe die Innenstadt aus, wenn die Lutter weiterhin unterirdisch bliebe, und der marode Kanal unter den Platanen freigelegt und saniert worden wäre?“ Die zynische Antwort könnte sein: „Dann sähe sie aus, wie sie vorher auch ausgesehen hat“. Unsere Entgegnung: „Eben!“


Kontext: Eine einzelne Person/ ein einzelner Verein sorgt dafür, dass quer durch die Stadt, quer zu allen Leitungen, quer zur Finanzierung und Baulast ein Bach fließt. Er muss dabei wie ein Bittsteller auftreten, sogar den städtischen Eigenanteil für Zuschüsse muss er selbst beschaffen. Die Freilegung des Baches ist eben keine kommunale Pflichtaufgabe. Aber ermöglichen sollte die Verwaltung und Politik eine solche Maßnahme durchaus, nach Kräften.

Subtext: Wo der Bach fließt - Freiwillige Aufgaben oder Pflichtaufgaben?

1. Info

Festschrift für Dietmar Stratenwerth – 30 Jahre Vorkämpfer für Nachhaltigkeit“.

Hgg. von der Stiftung für die Natur Ravensberg. 204 Seiten

Das Motto „… Einmischung zur Bürgerpflicht“ wurde zum zehnjährigen Jubiläum auf einem großen Transparent über das Podium im Großen Saal der Ravensberger Spinnerei gespannt. Es wurde auf dem Cover der Festschrift zum 75. Geburtstag von Dietmar Stratenwerth nochmals verwendet.

Die Festschrift kann gelesen werden als biographisches Programm. Zugleich wird aufgedeckt, wie sich die Netzwerke zusammensetzen. Hier werden dafür das Vorwort sowie das Inhaltsverzeichnis als Dokument abgedruckt.

Vorwort:

Naturschutz neu denken“ – das klingt fast, als wäre hier etwas nachzuholen im Zuge einer allfälligen Modernisierung. Dabei sind die Grundsätze und Ziele unverändert: Schutz der Natur, Pflege der Landschaft, nachhaltiges Wirtschaften, Erhaltung des natürlichen und kulturellen Erbes.

Was sich dagegen laufend ändert, sind die Rahmenbedingungen und die (Sprach- und )Macht-Spiele. Privatisierungen und Ausgründungen, Verfahrensbeschleunigungen, Investorenplanungen, Verlust jeglichen finanziellen Gestaltungsfreiraumes der öffentlichen Hand und ein wieder gestiegenes Selbstbewusstsein der „Mitspieler“ beim Flächenverbrauch, bei der Konkurrenz der Ziele und Normen, ja selbst vor den Gerichten.

Neu denken“ heißt also soviel wie: Dranbleiben im Konflikt, sich Hineindenken in die Gegenseite, Mittel und Verbündete mobilisieren, kurz: Sich etwas einfallen lassen.

Davon handelt dieses Buch, in seinem eher wissenschaftlich-grundsätzlichen Teil und in seinem vielfältig persönlichen Teil. Gewidmet ist es Dietmar Stratenwerth – aber er wäre der erste, der diese Widmung weiterreichen würde an seine vielen Partner und Freunde, die ein unsichtbares, aber belastbares Netzwerk bilden. Und er würde wissen, dass es viele solcher Netzwerke geben muss und gibt in unserem Lande.

Gut zu wissen.

(Ulrike Letschert, Tilman Rhode-Jüchtern, Roland Sossinka)

Inhalt der Festschrift:

1.Teil: Kolloquiumsvorträge

  • Martin Stock: Innovationen im Naturschutzrecht
  • Roland Sossinka: Schutz der Natur: Was – Warum – Wie?
  • Rainer Dollase: Individuum und Naturschutz – Eine verlogene Beziehung
  • Tilman Rhode-Jüchtern: Vom Großtanker zum Motorboot?
  • Wolfhart Kansteiner: Die A33 – Sinn und Unsinn ehrenamtlichen Umweltengagements
  • Ute Röder: Nationalpark Senne – Ein Beispiel für vorausplanenden und gleichzeitig konstruktiven kooperierenden Naturschutz?

2.Teil: Beiträge von Freunden und Weggefährten

  • Günter Bockwinkel: Im Dauereinsatz für die Natur – Wie schafft der Mann das bloß?
  • Florian Böllhoff: Naturerleben, Weltsichten, Handeln in Verantwortung
  • Heinz Bongards: Die Rütlisaga
  • Eberhard Delius: Eindrücke
  • Marion Ernsting: Gemeinwohl vor Privatinteresse
  • Klaus Heise: D.S. – Der Freund!
  • Dietrich Kurz: Landschaft und Natur
  • Ulrike Letschert: Die Stiftung für die Natur Ravensberg
  • Thomas Niehoff: Die A33 und der Streit um die „beste“ Trasse
  • Karl Otto: 20.000 mal „JA“ – Die Initiative Nationalpark Senne
  • Tilman Rhode-Jüchtern: „Wir wissen nicht, wie es geht, aber wir wissen, dass es geht“
  • Arnold Riedenklau: Die Rütlistraße oder „Die nicht ermüdete Wahrheit“
  • Rosa Rosinski: Die Silberne Halbkugel
  • Bernhard von Schubert: Der Brückenbauer
  • Arnold Schürer: Paradigmenwechsel – Eine Machtfrage?
  • Regine Schürer: Der Beirat für Stadtgestaltung
  • Wolfgang Schwarz: Der Bielefelder Förderkreis Stadtqualität
  • Ernst Seraphim: Aus der Frühzeit des Mitspracherechts
  • Klaus Steger: Anmerkungen eines Straßenbauers
  • Jürgen Stockmeier: Sponsoring im Naturschutz
  • Günther Stratenwerth: Familiäre Reflexe
  • Erdmute von Voithenberg: „Sie sind ein Glücksfall für den Naturschutz“
  • Hans Georg Wüllner: Dietmar Stratenwerth – vom Berater zum Freund
  • Hans Ziem: Dietmar Stratenwerth – mein Freund, der Unternehmer

(Anmerkung: Die Autorenliste ist entstanden aus Vorschlägen der Herausgeber, sie sind also nicht „vollständig“ oder „neutral“.)

2. Interpretation

Pro Grün hat Wert darauf gelegt, immer mal wieder kostbare Momente in der Stadt zu schaffen, um dem Anliegen eine besondere Würde zu verschaffen oder den Menschen eine besondere Wertschätzung zu zeigen. Die „Tafel am Viadukt“ gehört dazu, oder die „Blaue Stunde“ an den Stauteichen . Oder der 75. Geburtstag von Dietmar Stratenwerth, der nicht nur am Ort „ZIF“ der Universität, sondern auch im Format Wissenschaftliches Kolloquium stattfand. Dazu gab es das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, nachdem Stratenwerth den Orden bereits einmal abgelehnt hatte. Es gab ein festliches Essen und insgesamt eine kostbare Stimmung. Und es gab die Festschrift, die dem Jubilar eine unübersehbare Hochachtung schenkte. Stratenwerth hätte sich selbst derartiges weder gewünscht noch geleistet, er musste zum Jagen getragen werden. War die zugehörige Finanzierung angemessen oder hätte man damit anderes fördern sollen? „Sowohl als auch“ ist hier etwas anderes als ein Kompromiss. Kann man aber auch anders sehen.


Kontext: Eine verdiente Person wird geehrt, mit Bordmitteln und mit einem Orden. Das gesamte Lebenswerk ist gemeint, aber die Veranstaltung und Zeremonie ist ein privat gestaltetes Einzelereignis. Viele Gäste, viele Vorträge, viel Sekt mit Häppchen - das gehört zum PR dazu.

Subtext: Naturschutz neu denken – kein Spaßprogramm, keine „ökologische Klasse“, kein neuer Kosmos.

1. Info

Kolloquium zur Stadtgestaltung, veranstaltet von pro grün, Kulturstiftung Bielefeld, Stiftung für die Natur Ravensberg am 10.4.2003 in der Kunsthalle.

Am Adenauerplatz in Bielefeld möchte ein Investor ein Hochhaus errichten. Stockwerke 12, Gebäudehöhe 36,86 m.

Der Rat der Stadt (bzw. der UStA) hat einen Aufstellungsbeschluss für eine „vorhabenbezogene Änderung des Bebauungsplans“ gefasst. Die Bürger wurden – wie vorgeschrieben – von der Verwaltung frühzeitig informiert. Nur ca. 30 Personen waren erschienen, „ist ja sowieso schon beschlossene Sache“. Bis auf einen Redner waren alle strikt dagegen, zuvor schon in vielen Leserbriefen, und einhellig im Beirat für Stadtgestaltung.

Eine richtige Debatte hatte es in der Öffentlichkeit nicht gegeben. Einige Vereinigungen (siehe oben) luden deshalb ein zu einem Kolloquium in die Kunsthalle.

Für die Befürworter sprach der Bezirksvorsteher Horst Grube, für die Gegner der ehem. Leiter des Planungsamtes Roland Seredzun. Der Baudezernent und der jetzige Leiter des Planungsamtes waren nicht unter den Zuhörern, dafür aber ca. hundert engagierte Bürger mit vielen Beiträgen.

Beglückwünschen möchte ich Sie zu der Informationsveranstaltung zum Hochhaus Adenauerplatz. Ich halte sie für das beste, was seit Jahrzehnten in der Bielefelder Kommunalpolitik vorgekommen ist. Ich kann mir kaum vorstellen, dass der Rat sich über die dort vorgetragenen Argumente hinwegsetzt. Aber: völlig sicher kann man ja leider nie sein.“ (Dr. H.A.)

Argumente pro Hochhaus:

  • Wir können froh sein, wenn ein Investor etwas will.
  • Das Hochhaus ist ein Eye-Catcher, wie ein (halbes) Stadttor.
  • Politik und Öffentlichkeit sollen sich nicht in wirtschaftliche Aktivitäten einmischen. Das Risiko trägt der Investor, dafür braucht er aber auch Freiheiten.
  • Die Änderung des B-Planes auch für ein Einzelvorhaben ist ein demokratischer Prozess.
  • Man muss auch mal etwas wagen. Die Kunsthalle hätte es heute auch schwer, akzeptiert zu werden.
  • Das Hochhaus ist viel tiefer gelegen als die Sparrenburg, es ist nur in bestimmten Sichtachsen zu sehen. Damit kann man leben.
  • Die Gegner haben offenbar ein Generationenproblem.

Argumente contra Hochhaus:

  • Die vorhandenen Gebäude sind keine Schönheit. Das Quartier muss aufgewertet und gepflegt werden. Aber die Maßstäblichkeit muss erhalten bleiben.
  • Stadtbildprägende Dominanten sind die Sparrenburg, die Neustädter Marienkirche, der Spiegelsche Hof, die Kunsthalle – allesamt von höchstem Rang.
  • In dieses Ensemble kann nicht irgendein Großgebäude eindringen, nur weil ein Investor das gerade wünscht; das kann man keinem sensiblen Beobachter erklären. Eine Alternative mit maßstäblicher Höhe ist ohne Probleme möglich.
  • Nicht jede Aktivität ist auch stadtplanerisch sinnvoll. Wenn dadurch anderswo Leerstände erzeugt werden, depraviert das die ganze Innenstadt und das Image.
  • In Bielefeld gibt es nur wenige Ensembles und Bauwerke von höchstem Rang. Dagegen gibt es jede Menge Bausünden und Irrtümer (Beispiel Rathaus/Stadtbahntrog). Gründliches Nachdenken ist deshalb notwendig, über einen Einzelfall hinaus.
  • Das Engagement von kritischen Bürgern hat schon früher eine Reihe von schweren Fehlern verhindert. Daraus sollte man lernen und im Zweifel eine Grundsatzdebatte führen. Wie stellen wir uns die Stadtbildentwicklung vor? Welches Verfahren wählen wir bei sensiblen Einzelfällen? Diese Debatte steht aber aus, obwohl sie für die nächsten Jahrzehnte wichtig wäre.

Fazit aus dem Kolloquium und für die Meinungsbildung in Stadt und Rat:

  • Aktiver Stadtbau und Investoren (und engagierte Architekten als Auftragnehmer) sind willkommen.
  • Bei schweren Eingriffen in das Gefüge des Stadtbildes ist eine grundsätzliche Debatte erforderlich über das Leitbild für die nächsten Jahrzehnte (so lange, wie die Eingriffe wirken)
  • Im Zweifel solle man sich erinnern an die Pannen und Fehler in den letzten Jahrzehnten.
  • Im Städtebau ist auch der freie Markt nicht zu verwechseln mit Wildwuchs. Im Zweifel muss es einen Architektenwettbewerb um die beste Lösung geben.
  • Großvorhaben sollen an geeigneter Stelle ihren Platz finden; auch für ein Hochhaus gibt es in Bielefeld mehrere geeignete Standorte.
  • Keiner der Gegner ist Baugegner oder hat ein Generationenproblem. Sie sagen nur. Wenn hier, dann nicht so! Oder: Wenn so, dann nicht hier!
  • Die Befreiung für ein Einzelvorhaben (zur Umgehung einer Änderung des B-Plans) ist nicht sachgerecht; wegen der großen Wirkung auf das Stadtbild ist das strittige Hochhaus kein Einzelvorhaben.
  • Bindungen für den Rat (z.B. durch Bauberatungen, Aufstellungsbeschluss) gibt es nicht. Fraktionszwang wäre nicht sachgerecht. Der Rat hat die Planungshoheit.
  • Außerdem ist dringend zu wünschen, dass ein städtebauliches Leitbild auch für den Rand der Altstadt erarbeitet wird, und Leitlinien für den Umgang mit kritischen Einzelfällen dazu.

(Quelle: Faltblatt von Pro Grün „Turmbau zu B.“)

2. Interpretation

Es war ein Bielefelder Unternehmer und Mäzen, der das große Bauvorhaben am Adenauerplatz öffentlich in Frage stellte. Pro Grün nahm sich der Sache an, indem eine Debatte in der Kunsthalle angeschoben wurde. Hauptkritik jenseits fachlicher Details und des Einzelvorhabens war die völlig fehlende Diskussion über die Planung dominanter Plätze. Der Kesselbrink, das „Sieker Loch“, der ehem. Schillerplatz, der Jahnplatz, der Ravensberger Park, der Alte Friedhof, der Siegfriedplatz u.a. würden die Diskussion mit dem Ergebnis eines Masterplans gut vertragen (haben). Es war ein prominenter CDU-Politiker und Banker, der die Pro-Grün-Veranstaltung als „das beste (beurteilte), was seit Jahrzehnten in der Bielefelder Kommunalpolitik vorgekommen ist“. Wohlgemerkt: Es ging in erster Linie nicht um ein Pro und Contra des Bauvorhabens, sondern um die öffentliche Debatte, jenseits irgendwelcher formeller Info-Veranstaltungen über bereits beschlossenes Vorhaben. Die Resonanz war überwältigend, das Bedürfnis war erkennbar vorhanden.


Kontext: Wo ist das Problem? Viel Rumoren im Saal: Mal wieder wurde nicht geredet, vorher. Mal wieder musste die Kunsthalle eigens gemietet werden, von engagierten Bürgern, für eine offene Debatte.

Subtext: Mit dem Wissen von heute, würden wir das Projekt (nicht) wieder bauen.

1. Info

„Der Sennesee ist ein durch Sandabbau entstandener See, er befindet sich in der Senne im Osten des Kreises Gütersloh. Das rund 13,5 ha große Gewässer liegt komplett auf dem Gebiet der Gemeinde Schloß Holte-Stukenbrock. Zusammen mit einem sich westlich anschließenden und nur durch eine Straße vom Hauptsee getrennten rund 4,4 ha großen Gewässer stellt der Sennesee die größte Wasserfläche im Stadtgebiet dar. Der Sennesee ist in das Biotopkataster der Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten NRW aufgenommen worden und somit nach dem nordrhein-westfälischen Landesnaturschutzgesetz als schutzwürdiges Biotop anzusehen.“ (Sennesee-Wikipedia)

Aber Achtung: Dieser See existiert zwar, jedoch im Kreis Gütersloh, entstanden durch den Sandabbau für die Baustelle A 33. Es lag deshalb nahe, dieselbe Idee und dasselbe Potenzial auch für einen Sennesee in Bielefeld zu nutzen. Hindernisse dafür waren lediglich das Motiv, den „Untersee“ am Johannisbach als Badesee-Idee zu erhalten sowie die (ignorierte mutmaßliche) Befangenheit eines Ratsmitgliedes. Nun gibt es mittlerweile diesen/einen solchen See tatsächlich auch in Bielefeld, dies allerdings auf dem Terrain eines privaten Campingplatzes in Quelle.

Bielefeld hätte diesen See längst haben können. Aber wie gewonnen, so zerronnen. Oder im finalen Konjunktiv: „Hätte hätte, Fahrradkette“.

Ein heute verborgener Aspekt: pro grün verfolgte durchaus die Nebenabsicht, mit dem Sennesee eine großflächige Bebauung im Autobahnkreuz zu verhindern. Pro Grün sei verrückt, niemand habe die Absicht, hier zu bauen, ließ der Baudezernent damals verlauten. Beweisen ließ sich diese Prognose naturgemäß nicht, aber es kommt nun, wie es damals kommen musste: Im Januar 2025 berichtet die Presse von der Vorstellung weitreichender Planungen im Ortsteil Windflöte. „Im Senner Ortsteil sollen neue Wohn- und Gewerbegebiete entstehen. Dabei soll Rücksicht auf die örtliche Natur und vor allem die Knoblauchkröte genommen werden. Auch Spiel- und Sportplätze sind Teil des Konzepts. Bürger äußern Bedenken“ (NW 25.1.2025)

Knoblauchkröte: aha!

2. Interpretation

Der „Sennesee“ ist nun gebaut und im Betrieb. Allerdings ist er privat errichtet und nun Teil eines privaten Campingplatzes. Der alte Traum der Bielefelder, ein See vor der Tür, ist erfüllbar und erfüllt, aber im Kreis Gütersloh. Der Neubau der A 33 war ein Zeitfenster, ein window of opportunity. Ohne Weiteres gab es dieses Fenster auch in Bielefeld. Es ist nun geschlossen, die Autobahnbaustelle hat sich erledigt. Pro Grün hatte dazu rechtzeitig und öffentlich ein Konzept vorgelegt. Aber es gab zwei Hindernisse: Erstens wären Forderung und Bedarf nach einem See in der Johannisbachaue hinfällig geworden; zweitens gab es private Interessen und Abstimmungen im Rat, auch trotz der Besorgnis der Befangenheit eines Ratsmitglieds.

Das Offenhalten der Johannisbachaue für einen See („Untersee“) blockiert die förmliche Ausweisung als Naturschutzgebiet. Nun haben wir dreierlei nicht: Erstens haben wir keinen Untersee und werden ihn auch nicht haben; zweitens haben wir keinen Sennesee und können ihn auch nicht mehr haben; drittens haben wir bislang kein Naturschutzgebiet Johannisbachaue und müssen immer wieder dafür kämpfen.

Viertens zeichnet sich ein neuer Kampf um den Bestand der Landschaft im Kontext einer ICE-Neubaustrecke ab.

Fünftens gibt es ein großes Unbehagen darüber, wie zwei einzelne Parteipolitiker 2024 im Regionalplanungsrat Detmold über die Bande spielen und mit den Stimmen etwa der Vertreter von Höxter einen erklärten Willen im Bielefelder Rat unterlaufen. Rein formal ist das möglich, aber: „Das macht man einfach nicht“.


Kontext: Jede Gemeinde ist davon betroffen, wenn der Regionalplan des Bezirks räumlich und fachlich die Entwicklung der nächsten 10 Jahre festlegt. Der Rat bildet sich aus gewählten Vertretern der Kommunen. Er kann sich damit über die Absichten einzelner Gemeinden hinwegsetzen. Damit ist potenziell die Planungshoheit bedroht.

Subtext: Keine Mehrheit hier? Machen wir uns eine Mehrheit dort.

1. Info

Pro Grün appelliert an die Entscheidungsträger, in Alternativen zu denken und diese rational abzuwägen (siehe auch: 2000: „Grüne Insel: Alte Richmond-Kaserne“)

„Das ist einfach so!“ – so lautet der Befund oft von oben herab oder aus einem Echoraum heraus. Dabei gibt es nichts auf der Welt, für das es nicht auch eine Alternative gäbe, als Tatsache oder als Perspektive. Es kommt auf die Prämissen oder Maßstäbe an. Die „Platanenallee“ (Kanal oder Allee?) oder die Johannisbachaue (Freizeit-Spaß oder Naturschutz?) zeigen das exemplarisch; es gilt aber auch für jeden anderen Fall. Es gibt immer die „Null-Variante“, es gibt anfangs auch Blinde Flecken. Es gibt kreative Momente. Es gibt Problemlagen und Leidensdruck. Und es gibt den subjektiven Faktor in Form der diversen Interessen und Akteure.

Zum Beispiel wollte die Fachhochschule einen neuen Standort entwickeln, am liebsten auf der Grünen Wiese als Sonderbaufläche; da gibt es weniger Widerstände, in der Sache und in der Politik. Auch die Universität hat Bedarf, etwa für die neue Medizinische Fakultät. Und Ausweichflächen für die milliardenschwere Sanierung der alten Uni stehen bereit.

Pro Grün hat dazu einen klaren Wertemaßstab: Flächenverbrauch reduzieren, Transformation gestalten. Pro Grün appelliert stets und ständig an die Entscheidungsträger, in Alternativen zu denken.

Der Verein legte zwei Ideenskizzen vor, von Fachleuten entwickelt und geprüft.

  • Grüne Insel: Alte Richmond-Kaserne für die FH
  • Plan B: Erweiterung der Universität und der FH auf dem Stammgelände.

Grundgedanke der „Grünen Insel“: Vorhandene Standorte suchen, prüfen, vergleichen, abstimmen. Die Konversion einer alten Kaserne mit Denkmalswert auf die Tagesordnung setzen. Ergebnisoffen.

Akteur Nr. 1 ist der Rektor der FH, der findet diese Idee sehr gut.

Akteurin Nr. 2 ist die Nachfolgerin im Amt, die möchte unbedingt auf die Grüne Wiese („Lange Lage“) gegenüber der Universität.

Beide Flächen sind im Prinzip verfügbar, die Alternative müsste aber rundherum diskutiert werden, vor (Wettbewerbs)Vorgaben, Entscheidungen und Festlegungen.

Es wird aufgrund der Beharrlichkeit der neuen FH-Leitung ohne alternative Diskussion entschieden, gegen die „Grüne Insel“, für die freie Landschaft. Schade, bis heute.

Grundgedanke Plan B: Die Uni will sich generalsanieren und vergrößern. Dafür gibt es Flächen auf dem Stammgelände, v.a. die abgängigen Parkdecks. Plötzlich war sogar der (Tabu-)Nordhang des Teutoburger Waldes direkt neben dem ZIF im Gespräch.

Die Zeit war günstig, die Uni-Stammfläche sofort verfügbar, es wurde kurzfristig entschieden. Aber ohne größere Debatte, einfach nach der jeweiligen Entscheidungslage im Rektorat und in der Sonderbaufläche.

In diesem Fall war das Ergebnis gut: Uni-Erweiterung auf dem Stammgelände, kein neuer Flächenverbrauch.

Kommunikation aber Null. Kommuniziert wird nur dann, wenn es (partei)politisch oder subjektiv gewünscht ist, aber nicht als generelle politische Tugend.

2. Interpretation

Renovierung der Uni und Neubau der FH – da werden Volumina von 1.000 Mio € (1 Mrd €) bewegt. Es wird zwar eingegriffen in die freie Landschaft, aber es handelt sich um eine Sonderbaufläche, wo die Planungshoheit des Rates endet. Trotzdem - oder gerade deswegen - wäre die Verträglichkeit bzw. die Vermeidbarkeit mit den Belangen von Natur und Landschaft rechtzeitig und öffentlich plausibel zu machen. Z.B. mit der Frage, ob mögliche Alternativen geöffnet und diskutiert worden sind. Ist der Neubau an der „Lange Lage“ unvermeidlich? Gibt es realistische Alternativen? Wer vertritt welche Option? Wie lauten die Vorgaben bei einem Wettbewerb? Blinde Flecken, Null-Varianten gehören in das Diskussionsprogramm. Nicht um zu stören, sondern um zu optimieren. 1 Mrd € ist schließlich auch Geld …


Kontext: Es gab Alternativen für Uni-Sanierung und FH-Neubau. – Diese wurden aber nach Opportunität hin- und hergeschoben oder ganz ignoriert. Eine Entscheidung für eine Alternative muss/ sollte begründbar und plausibel sein. Soweit die Legende vom Abwägungsgebot.

Subtext: Was würde ein Verwaltungsgericht sagen, gerade wenn es formell entscheidet: Abwägungsgebot/ Abwägungsfehlgebrauch/ Abwägungsdefizit? Wenn jemand klagt.