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A K T U E L L

Nachruf

Gründer von Pro Grün – Dietmar Stratenwerth ist im Alter von 89 Jahren gestorben
(14. Juni 1928 - 12. Juni 2017)

"Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe“ (Psalm 90,10)

Dietmar Stratenwerth ist – über den 90. Psalm weit hinaus – fast 89 Jahre alt geworden. Er hat in diesen Jahren viel Mühe investiert – über seine Familie und seinen Beruf hinaus – in den Schutz der Natur und die Pflege der Landschaft und des Bildes unserer Stadt und in den Widerstand gegen allerlei bürokratische oder engstirnige Projekte in Stadt und Land. Und es war - entgegen dem Psalmisten – nicht nur vergebliche Mühe.

Sicher, Dietmar Stratenwerth war mehrmals versucht, zurückzutreten von den vergeblichen Mühen. Als man ihm früh das Bundesverdienstkreuz verleihen wollte, sagte er ab; er wollte nicht von einer öffentlichen Hand belobigt werden, die er gerade notgedrungen stoppen wollte.

Zum Beispiel wollte er verhindern, dass die sogenannte Rütlistraße mit einer großen Talbrücke überspannt würde, um schneller durch die Haarnadelkurve zu kommen. Auch die Raser unter den Autofahrern sollten respektieren, dass sie hier im Naturpark Teutoburger Wald unterwegs waren. Viel Kraft und Kenntnisreichtum wurden aufgewendet, um dieses Vorhaben schließlich (1977) in Zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht zu stoppen. Niemand kann wirklich ermessen, was zu einem solchen Kampf dazu gehört. Viel Mühe nur dafür, dass etwas am Ende so bleiben durfte, wie es vorher schon war. Hier lag eine von Dietmar Stratenwerths vielfältigen Gaben: Überzeugungskraft und Sachverstand und langer Atem.

1974 hatte Dietmar Stratenwerth den Gemeinnützigen Verein Pro Grün gegründet, um sich eine ständige Hausmacht in Bielefeld zu verschaffen. Einer solchen bedurfte es damals, um die alte Ravensberger Spinnerei vor dem Abriss für die „autogerechte Stadt“ zu retten. Fast die gesamte Kommunalpolitik und Verwaltungsspitze waren überzeugt, dass nur so die Stadt vor dem Verkehrskollaps zu retten wäre. Man äußerte auch heftige Kritik an den Versuchen, eine Folgenutzung zu finden: „Weißer Elefant“. Am Ende des Kampfes erreichte ein Förderkreis mit namhaften Persönlichkeiten den Stop, wiederum nach langen Jahren und Mühen. Der Stadtverkehr ist an dieser Stelle bis heute nicht zum Erliegen gekommen. Und die „Raspi“ ist zu einem Aushängeschild der Stadt geworden. 1986 bekam die Bürgerinitiative für die Erhaltung und Umnutzung die höchste Auszeichnung: Die „Silberne Halbkugel“ des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz. Eine weitere Stärke Stratenwerths: Sich verbünden und fehlende Macht ausgleichen durch Unberechenbarkeit der Mittel und Netzwerke.

Das Motto des Vereins Pro Grün wurde zum zehnjährigen Bestehen (1984) erdacht: „Wo die Erde verkommt, wird Einmischung zur Bürgerpflicht“. Das Spruchband wurde aufgehängt für ein großes Fest auf der Baustelle der Spinnerei, die zur Volkshochschule werden sollte. Hunderte Bürger feierten bei Musik und Theater das Gelingen, der Regierungspräsident Stich hielt die Festrede. Stratenwerths Rolle dabei: Seine Netzwerke zur rechten Zeit entfalten und einspannen, bescheiden ebenso wie selbstbewusst.

Das Beispiel der Raspi zeigt: Es ging nicht nur um das Erhalten, sondern auch um das Gestalten. Das Bewahren war immer die eine Seite und oftmals auch Selbstzweck. Aber das Bewahren ist nicht Stillstandsverwaltung, sondern kreative und sehr spezielle Arbeit. Als zum Beispiel das alte CVJM-Heim an der Gustav-Adolf-Straße von der Kirchengemeinde verkauft und zugunsten eines Investments abgerissen werden sollte, trat in fast aussichtsloser Lage Dietmar Stratenwerth auf den Plan, genauer: in die Kulissen. Er fand einen privaten Käufer, den er zugleich beraten konnte für die wirtschaftliche Machbarkeit einer Nutzung bei Erhalt des stadtbildprägenden Gebäudes in der westlichen Innenstadt.

Noch erheblich weiter könnte die Liste fortgesetzt werden. Nachzulesen ist das in der großen Festschrift zu seinem 75. Geburtstag. Jedes Projekt steht für eine der besonderen Gaben von Dietmar Stratenwerth. Die Verlagerung einer Umgehungstraße in Oerlinghausen aus einem Bachtal in einen neuen Tunnel in öffentlichen Ratssitzungen, vermittelt durch die Mediation der Bundeszentrale für Politische Bildung war so ein dickes Brett, in dem es um mehrere Millionen ging. Da war Stratenwerth nicht ängstlich. Er stritt für die Erhaltung der Rieselfelder Windel als bedeutendes Naturschutzgebiet, er gründete eine Stiftung für die Natur Ravensberg, er versuchte über die Stadt hinaus strukturell Einfluss zu nehmen in der neugegründeten Bezirkskonferenz Naturschutz OWL mit diversen frei arbeitenden Arbeitsgruppen. Die Stärke von Dietmar Stratenwerth hier war es, stets zur rechten Zeit die richtigen Mitstreiter zu finden und diese dann machen zu lassen. Ohne ihn hätten diese Menschen vielleicht nicht zu ihrer Aufgabe gefunden.

Ob es nach seinem Tode noch zu einem seiner Langzeitprojekte, dem Nationalpark Senne kommen wird, entscheiden aktuelle und änderbare Mehrheiten. Es war längst nicht immer möglich, zu einem sachlich-fachlichen Gespräch mit Politik und Verwaltung zu finden; aber das ist ein strukturelles Problem, weil sich Gemeinwohl und Parteipolitik nicht immer decken. Hier hätte Stratenwerth vermutlich sein größtes Problem gesehen.

Zu seinem 75. Geburtstag erhielt Dietmar Stratenwerth im Rahmen eines Festkolloquiums im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) an der Universität Bielefeld das Große Bundesverdienstkreuz Erster Klasse – ganz so, als hätte er seinerzeit die Eingangsstufe des Ordens doch angenommen. Er nahm die Ehrung an; er hatte sie aus Sicht der Politik und mit der Unterschrift des Bundespräsidenten für sein bürgerschaftliches Engagement verdient. Und zugleich kann die Stadt Bielefeld sich glücklich schätzen, dass sie solche Bürger hat wie Dietmar Stratenwerth.

 
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